Wirtschaft : Elke Rieckhoff

(Geb. 1941)||„Die Veranlagung, mich selbst zu quälen, habe ich überhaupt nicht.“

Thomas Loy

„Die Veranlagung, mich selbst zu quälen, habe ich überhaupt nicht.“ Das Leben der großen Schauspieler und Künstler: die reinste Schinderei. Elke Rieckhoff hatte das mit acht Jahren gerade noch rechtzeitig bemerkt. „Ich musste Klavier lernen, grauenvoll; dann musste ich Geige lernen, das war auch grauenvoll.“ Das Grauenvollste aber war klassisches Ballett. Auch für diese Tortur im Namen der Kunst war Elke von der Natur reich ausgestattet worden. Ein wunderschöner Spann, lange gerade Beine. „Und immer dieselben Übungen machen, hier die Hand, da die Augen, diese ganze Quälerei!“ Nach einem halben Jahr hing sie die Ballettschuhe an den Nagel.

Wäre da nicht diese Cousine gewesen, hätte es die Rieckhoff nicht gegeben: Prima Ballerina am Friedrichstadtpalast, Revuetänzerin am Lido, Musical-Star am Theater des Westens. Die Cousine trug ein hübsches Kleid aus rosa Taft und Spitzenschuhe. Sie tanzte und wollte dafür Applaus. Elke dachte: Das kann ich besser. Also ging die Schinderei weiter.

Zum Ende der Ausbildung Vortanzen an der Staatsoper: „Kind, Sie sind sehr begabt, aber Sie sind zu jung. Sie müssen erstmal in die Provinz.“ Abgelehnt. Außerdem ist sie zu groß fürs Ballett. Elke weint. Sie weint viel in dieser Zeit. Ihre Lehrerin tröstet. „Eh Du hier rumhängst. Geh doch zum Friedrichstadtpalast!“

„Eine Revue-Hupfe werden?“

Sie wird engagiert. Schöne lange Beine sind im Palast immer willkommen.

„Ich hätte nie geglaubt, dass ich in diesem Schuppen landen würde.“

Aber die Stimmung ist gut. Nicht so blutleer-reserviert wie in der Staatsoper. „Es wurde gesoffen, getrascht, gelästert.“ Lustig, dieses Revue-Leben, und nicht so anstrengend wie im richtigen Ballett. Manchmal hadert sie. Der Traum von der gefeierten Ballerina verblasst nicht. Der Ehrgeiz stichelt in ihrer trägen Zufriedenheit, der sie sich ergeben hat. Sie müsste sich wieder strapazieren und quälen, Bequemlichkeit und Sicherheit gering achten, vor Eifer glühen.

„Die Veranlagung, mich selbst zu quälen, habe ich überhaupt nicht. Ich würde sagen: Hach, es tut weh, hach, ich lege mich lieber hin!“ Natürlich ist das auch Koketterie, wenn sie so etwas sagt. Elke Rieckhoff hat weit über die tänzerische Ruhestandsgrenze hinaus trainiert und auf der Bühne gestanden. Ihren Körper hat sie mit fernöstlicher Gymnastik geschmeidig gehalten, ihn keinerlei Giftstoffen ausgesetzt. Makrobiotische Ernährung, besser zu wenig als zu viel.

1961 schließt sich die Mauer um Berlin. Für Elke Rieckhoff wirkt der Schutzwall karrierebeschleunigend. Die meisten Tänzer des Friedrichstadtpalastes leben im Westen. Elke nicht. Sie soll nun ganz vorne tanzen, als Solistin. Die Rieckhoff und der Friedrichstadtpalast, das sind bald austauschbare Begriffe.

Sie hat Erfolg, aber einen griesgrämigen Mann. Der macht „große Kunst“ als Schauspieler am Berliner Ensemble und ist unglücklich, weil sein Anteil an der artistischen Wertschöpfung nicht ausreichend gewürdigt wird. Das Revuetanzen seiner Frau nennt er „Afterkunst“. Die Ehe wird bald geschieden.

Das Stigma, nur eine „Huppdohle“ zur Unterhaltung der Werktätigen zu sein, nagt weiter an ihr. Sie versucht auszubrechen, trainiert ein Jahr lang klassisches Ballett, aber es bleibt die Furcht, nicht gut genug zu sein. Was jetzt? War es das schon? Mit 27 Jahren? Sie will ein Kind.

Als das Baby da ist, kommen die Presseleute, schießen Fotos. „Frau Rieckhoff, wann kommen Sie zurück zur Bühne?“

„Das Baby steht jetzt an erster Stelle.“

Vier Wochen später zwängt sie ihren Körper ins Kostüm und tritt wieder auf. Das Baby liegt im Kinderwagen in der Garderobe. Der Vater ist bei der Armee und kann sich nicht kümmern. Die Eltern leben in Westdeutschland.

Elke Rieckhoff ist wieder unzufrieden. Das Kind, die Ehe, das Tanzen, es fügt sich nichts ineinander. Fünf Wochen Tournee in Polen. Ist das ein Fingerzeig? Republikflucht auf die elegante Art. Elke geht es strategisch an. Sie fordert, ihr Kind mitnehmen zu dürfen. Der Direktor äußert Bedenken. Sie fordert einen Krippenplatz. Der Direktor verweist auf den langen Behördenweg.

„Dann gibt es nur eine Möglichkeit. Ich bringe das Kind zu meinen Eltern.“

Die Palast-Kompagnie erfährt im Zug nach Polen, dass Elke, ihre Solotänzerin, nicht mehr zurückkommt. Die Chefin erleidet einen Schreikrampf. In Berlin, wird der Name Rieckhoff aus den Archiven des Hauses gelöscht.

Im Westen gibt es keinen Friedrichstadtpalast, nur den Lido. Da wird barbusig getanzt, aber Elke weigert sich. Ein Skandal! Es gefällt ihr auch sonst nicht gut. „Dieses ganze Image, dieses Federgepupse, lächerlich.“ Sie schmeißt hin, nach acht Monaten.

Engagements als Mannequin und im Fernsehballett. Das Geld stimmt, aber die Seele trauert. Mit 43 stürzt sie in eine Sinnkrise. Die Irrfahrt ihrer Gefühle endet mit der Erkenntnis, nochmal neu zu starten. Sie nimmt Schauspielunterricht und Gesangsstunden, tritt als Schlagersängerin auf, erobert das Musicaltheater. Nach dem Mauerfall kommt sie zurück nach Berlin. Ihr letztes Engagement hat sie im Friedrichstadtpalast, mit 64 Jahren. „Das Wintermärchen im Weihnachtswunderland“ steht sie nur unter großen Schmerzen durch. Der Krebs, den sie besiegt glaubte, ist zurückgekehrt.

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