Wirtschaft : Ellinor Michel

(Geb. 1939)||Sie malte Bilder, ihr Geliebter baute Bomben.

Werner van Bebber

Sie malte Bilder, ihr Geliebter baute Bomben. Eine Prinzessin, blonde Locken, braune Augen, ein sanftes Gesicht, nicht frei von Stolz. Der Vater, ein Offizier, hat sie geschont, die Prügel bekamen die größeren Geschwister. An einem Morgen im Januar 1945 wachte Ellinor, die alle Ello nannten, mit den Worten auf: „Der Papi ist tot.“ Sie hatte es geträumt, gespürt. Ihr Vater, der preußische Offizier, war in diesen Tagen im Kurland-Kessel erschossen worden.

Ellos Mutter hatte für Prinzessinnen nichts übrig, sie hatte, wie sie meinte, äußerst ungehorsame Kinder. Als Ello neun war, zerrte sie ein Mann ins Gebüsch, zerriss ihr das Kleid. Dem weinenden Mädchen verpasste die Mutter Prügel. Ello erholte sich erst wieder und blühte auf, als sie zu Pflegeeltern kam, einem Fabrikantenpaar mit Dienstboten und einer Villa im Süddeutschen. Ello bekam ihre Kleider genäht und lernte, sich und das Leben wieder schön zu finden. Nur die Schule nicht. Sie ging ab, so früh es ging, besuchte die Kunsthochschule in Karlsruhe, wurde Grafikerin, begann zu malen.

Manfred war ihr ebenbürtig, künstlerisch veranlagt, ebenso bürgerlich geprägt. Als Ello ihn heiratete, war sie 21.

Ihren Schicksalsmann traf sie nach der Rückkehr in die Heimatstadt Berlin, die Stadt, in die man ging, wenn man wild leben wollte. Der Schicksalsmann hieß Andreas Baader. Mit Manfred, ihrem Ehemann, hatte Ello einen kleinen Sohn, wie Manfred malte sie, neben Manfred trank sie nachts am Tresen einer dieser Kneipen, in denen die Nächte lang waren und die Gespräche existentiell. Dort sah sie Andreas Baader, und er sah sie.

Wer Baader und sie gemeinsam erlebte, empfand Sympathie nur für die Malerin. Der angehende Politkriminelle kommandierte herum, Zigarette im Mundwinkel. Sie liebte ihn.

Ello spezialisierte sich auf gut verkäufliche Gemälde, Landschaften, Blumen, farbenfroh, gekonnt impressionistisch. Sie malte nachts, aufgeputscht von allem, was man so schluckte. Sie hatte Fans. Günter Pfitzmann schrieb „für Ello“ auf eine Autogrammkarte und dekorierte zwei Häuser mit ihren Bildern.

Baader lebte von Ello und ihrer rauschhaft zehrenden Malerei, ihr kleiner Junge ohnehin, etliche Leute auch, mit denen Baader seine Abende verbrachte.

Ellos Mann wollte die Ehe nicht aufgeben. Er alarmierte ihre Brüder. Der eine stieß Baader die Treppe hinunter. Der andere redete ihm ins Gewissen. Baader stand am nächsten Tag vor Ellos Fenster. Sie sah ihn, und sie war bewegt.

Die Revolution interessierte sie nicht, für so was hatte sie keine Zeit. Im März 1965 kam Tochter Suse auf die Welt. Ello hatte zwei Kinder, zwei Männer, einen freien Beruf und einen Kühlschrank zu füllen. Sie malte im Akkord, nachts, drogenbeschleunigt. Tagsüber war sie Mutter. Baader und seine Gesinnungsgenossen benutzten die Wohnung als Bombenbastelwerkstatt. Als Ello erfuhr, dass ein Sprengsatz fürs KaDeWe bestimmt war, sagte sie: „Wenn ihr das macht, geh’ ich da mit den Kindern einkaufen.“ Vielleicht war das der Grund, weshalb der Brandsatz im Kaufhaus Schneider in Frankfurt / Main hochging.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Baader längst ein paar Berliner Verhältnisse umgestürzt: Ello, die Malerin, bewältigte ihr Leben nicht mehr, ihren kleinen Jungen und das noch kleinere Mädchen gab sie beim Sozialamt ab. Die Kinder kamen erst ins Heim, später zu Manfred, ihrem Ehemann. Und Baader wechselte von Ello zu Gudrun Ensslin. Die wiederum ließ ihren Sohn beim Vater Bertram Vesper zurück.

Ello, die stolze Schöne litt, hasste und malte. Baader brandstiftete, kam ins Gefängnis – und schrieb Liebesbriefe an Ello. Stets hing eine Liste mit Dingen dran, die er dringend brauchte, Rasierwasser, Suhrkamp-Taschenbücher. Ello antwortete ihm, doch sie ließ sich nicht mehr ein. Seit 1969 waren sie kein Paar mehr. Gemalt hat sie ihn weiterhin.

Sie wohnte jetzt in der Droysenstraße in Charlottenburg, wohnte vor allem in der Küche, das große Zimmer war ihr Atelier. Und sie traf noch einen starken Mann – keinen Revolutionär, sondern einen für den Alltag. Victor kam aus Kuba und machte Musik. Er sprach nicht Deutsch, sie nicht Spanisch, doch das war egal.

Victor, fast 30 Jahre älter als sie, starb 1999. Ello erzählte ihm am Grab auf dem Friedhof an der Bornstedter Straße alles, was wichtig war. Dort wird ihre Asche am kommenden Mittwoch um 13 Uhr beigesetzt.

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