EM-Prognose dreier Forscher : Die Marktwert-Methode hat sich (fast) bestätigt

Mit dem DFB-Team ist der von drei Wissenschaftlern ermittelte Top-Favorit ausgeschieden. Und doch taugt ihre Methode, meinen

Jürgen Gerhards, Michael Mutz, Gert G. Wagner
Vorhersage der Forscher vor Beginn der Euro 2016: Möglicher Turnierverlauf nach der Gruppenphase. Die Wertde sind der adierte Marktwert des jeweiligen Kaders in Millionen Euro
Vorhersage der Forscher vor Beginn der Euro 2016: Möglicher Turnierverlauf nach der Gruppenphase. Die Wertde sind der adierte...Grafik: Anna Schmidt

Wir hatten in unserer EM-Prognose im Tagesspiegel vom 9. Juni 2016 Deutschland gute Chancen eingeräumt, die Fußball-Europameisterschaft zu gewinnen, weil das DFB-Team zusammen mit Spanien, Belgien und Frankreich den teuersten Mannschaftskader aller Teams stellt. Der Markt- beziehungsweise Transferwert eines Spielers ist heutzutage ein guter Indikator für die Leistungsstärke eines Spielers; demzufolge sollte das Team mit den teuersten Einzelspielern auch das nominell leistungsstärkste Team des Turniers sein. Bedeutet das Ausscheiden Deutschlands – der Mannschaft mit dem höchsten Marktwert –, dass wir mit unserer Methode falsch lagen?

Insgesamt hat Deutschland ein souveränes Turnier gespielt. Aber im Fußball gewinnt eben nicht zwangsläufig die bessere Mannschaft. Fußball gehört – wie Mathematiker schon vor einigen Jahren festgestellt haben – zu den Mannschaftssportarten, bei denen der Faktor Zufall einen sehr starken Einfluss auf das Ergebnis hat, weil im Fußball insgesamt sehr wenige Tore geschossen werden, sodass ein Treffer schon den Sieg bedeuten kann. Im Basketball werden allein in einem Spiel in der Regel mehr Körbe erzielt als eine Fußballmannschaft in einer ganzen Saison Tore schießt. Entsprechend ist in Sportarten wie Basketball der Zufall von geringerer Bedeutung.

Kumulierter Marktwert in Millionen-Euro der Länder-Kader aller Euro16-Teilnehmer vor Beginn der EM.
Kumulierter Marktwert in Millionen-Euro der Länder-Kader aller Euro16-Teilnehmer vor Beginn der EM.Grafik: Anna Schmidt

Die Bedeutung des Zufalls hilft auch das Aus der deutschen Mannschaft im Halbfinale zu verstehen. Ab der 7. Minute hatten die Spieler von Jogi Löw die Franzosen fest im Griff und waren im gesamten Spielverlauf die bessere Mannschaft; sie hatten deutlich mehr Ballbesitz, kamen zu zahlreichen Torabschlüssen und hatten mit 90 Prozent eine hervorragende Passquote. Und trotzdem verpasste das deutsche Team den Einzug in das Finale. Wie konnte das passieren? Es gibt nur einen triftigen Grund, nämlich die Verkettung von unglücklichen Zufällen: Schweinsteigers Arm hätte bei dem Handspiel auch fünf Zentimeter mehr links sein können und der Schiedsrichter hätte den Elfmeter nicht unbedingt pfeifen müssen, Boatengs erneute Verletzung hätte statt in der 61. auch erst in der 89. Minute auftreten können, Kimmichs Lattenkracher hätte durch eine leise Windbrise zwei Zentimeter tiefer fliegen können, und, und und…

Entsprechend ist Löws Kommentar zum Spiel, er könne an der Mannschaft keine Kritik üben, weil Deutschland das Spiel zwar kontrolliert, aber „nicht das nötige Glück gehabt“ habe, keine Geste, mit der sich der sorgende Chef schützend vor seine Truppe stellt, sondern eine korrekte Einschätzung des Spiels. Alle anderen Erklärungen für die Niederlage Deutschlands sind wenig plausibel und haben den Status von Ex-Post-Rationalisierungen.

Und der Verlauf der Europameisterschaft spricht auch alles andere als gegen die Marktwert-Methode. Insgesamt sechs der acht Teams, die im Viertelfinale standen, hatten wir auch dort erwartet. Vor dem Finale am Sonntag können wir resümieren, dass 27 von 50 Begegnungen (54 Prozent) von der teureren Mannschaft gewonnen wurden und sich nur in 12 von 50 Partien (24 Prozent) der nominelle Außenseiter durchgesetzt hat. Die restlichen Spiele endeten mit einem Unentschieden – was für die teureren Mannschaften in der Vorrunde oft kein Problem darstellte. Die teureren Mannschaften hatten insgesamt eine mehr als doppelt so hohe Siegchance.

Im Ligafußball ist die Prognosekraft der Marktwertmethode deutlich besser als bei einem Turnier, weil sich hier Zufälle im Saisonverlauf ausgleichen. Das führt dazu, dass fast immer die millionenschweren Teams vorne stehen. Aber in der K.O.-Runde einer EM gibt es zwangsläufig deutlich mehr Überraschungen. Während man den Ausgang der Bundesliga also recht gut prognostizieren kann, lässt sich das Ergebnis eines einzelnen Spiels – vor allem wenn die Favoriten so dicht beieinander liegen wie bei dieser EM – nicht gut vorhersagen. Und das ist vielleicht auch gut so, weil damit die Spannung erhalten bleibt.

Jürgen Gerhards ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Michael Mutz ist Professor für Sportsoziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Gert G. Wagner ist Professor an der TU Berlin und Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

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