Wirtschaft : EM.TV: Das Fernsehunternehmen vor dem Notverkauf

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Die angeschlagene EM.TV & Merchandising AG, Unterföhring bei München, kann offenbar nur noch durch einen Notverkauf gerettet werden. Dem Vernehmen nach verhandelt die beim einstigen Börsenliebling bestimmende Haffa-Familie deshalb mit der Münchner Kirch-Gruppe über einen Einstieg von Medienkaufmann Leo Kirch. Die EM.TV-Aktien am Neuen Markt gaben am Mittwoch um fünf Prozent nach. Bereits am Dienstag waren die Titel auf ein Jahrestief von 17,58 Euro gefallen.

Sprecher beider Unternehmen wollten das zumindest vorerst weder bestätigen noch dementieren. Sie stellten aber Stellungnahmen zu einem späteren Zeitpunkt in Aussicht. Falls EM.TV Ende dieser Woche einen Zwischenbericht veröffentlicht, werde dabei "vieles zur Sprache kommen", sagte ein Sprecher. "Es laufen Gespräche zwischen Haffa und Kirch", stellte ein Branchenkenner klar. Es gebe aber auch andere Interessenten wie Bertelsmann oder den anglo-australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch. Ein Schulterschluss zwischen EM.TV und Kirch gilt Beobachtern als wahrscheinlichste Lösung. Die Haffa-Familie hält laut EM.TV knapp 50 Prozent der Firmenanteile. Die restlichen Aktien des im Neuen Markt notierten Werts sind breit gestreut. Theoretisch sei eine Bündelung der Kräfte von Kirch und EM.TV sinnvoll, räumte ein Kirch-Sprecher auf Anfrage ein, der das aber nur als hypothetische Aussage verstanden wissen wollte. Beide Häuser seien vor allem über das Projekt Junior TV miteinander verbunden. Das ist ein paritätisches Joint Venture zur Vermarktung von TV-Rechten für Kinderfilme. Zudem gebe es Lieferantenbeziehungen, weil EM.TV an Kirch-Sender wie Sat 1 und Pro Sieben Filmlizenzen vergeben hat. "EM.TV wäre auf einen Schlag alle Finanzprobleme los", sagte ein Insider zu den Vorteilen eines Verkaufs an Kirch.

EM.TV sieht sich seit einiger Zeit mit hartnäckigen Gerüchten über Zahlungsschwierigkeiten und eine bevorstehende Gewinnwarnung konfrontiert, ohne dazu konkret Stellung zu nehmen. Vor der Pleite stehe EM.TV nicht, sagte ein Sprecher zuletzt lediglich. Bankanalysten schätzen die Lage bei EM.TV dagegen als bedrohlich ein. "Es ist wesentlich ernster als wir bislang angenommen haben", gestand ein Analyst selbstkritisch ein. Allerdings fühle er sich vom EM.TV-Management auch getäuscht und gedrängt, der Konzernführung "betrügerische Absichten" zu unterstellen.

Der EM.TV-Chef Thomas Haffa und sein jüngst wegen gravierenden Buchungsfehlern als Finanzvorstand zurückgetretene Bruder Florian Haffa seien wegen baldiger Zahlungspflichten zu den Gesprächen mit Kirch gezwungen, vermutete ein Bankanalyst. Demnach müsse EM.TV spätestens Ende Februar 2001 vom Formel Eins-Macher Bernie Ecclestone weitere 25 Prozent seiner Dachgesellschaft Slec zum fixen Preis von über zwei Milliarden Mark übernehmen. Das sei so in einer einseitigen Put-Option, also einer festen Verkaufsvereinbarung, vertraglich geregelt. EM.TV hatte vor kurzem für 3,6 Milliarden Mark die Hälfte der Formel Eins-Dachgesellschaft übernommen und das als strategische Meisterleistung gefeiert. Analysten kritisieren den Deal jedoch heftig. EM.TV sei von Ecclestone über den Tisch gezogen worden. Die Slec sei defizitär, überbewertet und nur ein Risikofaktor. Dass EM.TV nicht reif für die Börse sei, habe die jüngste Korrektur der Halbjahreszahlen gezeigt, die zu einem ersten Kurssturz des Papiers geführt hatte, rügte ein Analyst. Möglicherweise habe der seit einem Monat amtierende neue EM.TV-Finanzchef Rolf Rickmeyer bei der Durchsicht der Bücher neben der Slec auch weitere finanzielle Risiken entdeckt, die die Gespräche mit Kirch erzwungen haben.

Der neue Vorstandschef der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), Klaus Schneider, findet das Verhalten des EM.TV-Managements "skandalös". Die Haffas hätten mit einer Adhoc-Mitteilung an der Börse längst für Klarheit über die Gerüchte sorgen müssen, sagte der Wirtschaftsprüfer.

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