Wirtschaft : „EM.TV hat die Vergangenheit bewältigt“

Werner Klatten, Chef der früheren Skandal-Firma, über Sportrechte, Fußball-WM und das Ende der Freundschaft mit Thomas Haffa

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Herr Klatten, haben Sie schon Karten für die FußballWM?

Ja, ich habe Karten. EM.TV ist als exklusiver Vermarkter der europäischen Merchandisingrechte an der FIFA WM 2006 so eng mit dem Ereignis verbunden, dass wir uns früh Karten sichern konnten.

Verstehen Sie, dass sich viele Fans ärgern, dass nur so wenige WM-Karten in den freien Verkauf gelangen?

Ich verstehe die Aufregung, aber es ist nun mal eine Fußball-Weltmeisterschaft, kein nationales Ereignis. Da gehen automatisch viele Karten an die Veranstalter, an Sponsoren und ins Ausland.

Der Fußball-Standort Deutschland steckt nach dem Schiedsrichter-Skandal in seiner tiefsten Krise. Macht sich das bei der Vermarktung der WM 2006 bemerkbar?

Ich denke nicht. Solange sich der Skandal nicht wesentlich ausweitet, wird es keine Konsequenzen für die WM-Vermarktung geben. Noch handelt es sich ja um Einzelfälle. Für den nationalen Fußball sind sie allerdings schlimm genug.

Über die nationale Image-Kampagne für die WM 2006 ist ein heftiger Streit zwischen Werbeagenturen, Politik und Industrie entstanden. Ärgert Sie das?

Diesen Streit hätte man voraussehen können. Ich bedauere sehr, dass er jetzt öffentlich ausgetragen wird. Er stört die Vermarktung des Fußballereignisses – aber konkret nicht unsere Geschäfte. Die Beteiligten sollten das aber schnellstmöglich in den Griff bekommen.

Wie viele Lizenzen müssen Sie vermarkten, damit sich die Investition gelohnt hat?

Es sind inzwischen 19, und es werden noch einige große Partner hinzukommen. Die Akquisition von Großkunden werden wir im ersten Halbjahr 2005 aber abschließen und uns auf kleinere Kunden konzentrieren. Die Investition lohnt sich schon jetzt für uns. Das ist absehbar.

EM.TV macht über 80 Prozent seiner Umsätze im Sportgeschäft. Die restlichen Anteile am Sport-Sender DSF haben Sie jüngst für insgesamt 40 Millionen Euro übernommen. Warum ist Ihnen der Nischensender so viel wert?

Wir sind Mitte 2003 zu einem sehr günstigen Preis beim DSF eingestiegen und haben jetzt die Chance ergriffen, unsere Anteile auf 100 Prozent aufzustocken. Durch DSF, die Online-Plattform Sport1 und das Produktionsunternehmen Plazamedia bilden wir die gesamte Wertschöpfungskette im Sport ab.

In der werberelevanten Zielgruppe hat DSF aber gerade mal einen Marktanteil von gut einem Prozent...

Für EM.TV gilt: Besser in einem kleinen Teich der größte Fisch sein als in einem großen Teich ein kleiner Fisch. Mit der Komplettübernahme des DSF von Karstadt-Quelle und dem Sportinvestor Hans-Dieter Cleven sind wir im deutschen Sport-TV-Geschäft ein sehr großer Fisch geworden. Und wir haben das Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft.

Wie lässt sich ein Nischensender im mageren Werbemarkt profitabel betreiben?

Indem wir künftig noch stärker auf andere Erlöse setzen, die nicht aus der klassischen Werbung stammen. DSF erzielt bereits über ein Drittel seiner Einnahmen über T-Commerce. Ich habe keinen Zweifel, dass dieser Anteil deutlich wachsen wird. Wir haben außerdem in den vergangenen Wochen und Monaten sehr kräftig in Sportrechte investiert und werden auch in Zukunft weiter auf Live-Sport setzen. Das bietet zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten.

Zählen dazu auch die Rechte an der Formel1-Übertragung?

Ich glaube nicht, dass wir eine realistische Chance haben, die Erstrechte an der Fomel1 zu erwerben. Diesen Quotenbringer wird sich RTL nicht wegnehmen lassen. Wir setzen deshalb auf andere attraktive Sportarten, zum Beispiel Tennis in Wimbledon oder die Handball-WM. Aber es muss nicht nur Ballsport sein. Es gibt Disziplinen, die noch bei den großen Sendern laufen, die für uns attraktiv sind.

Wann verdient EM.TV wieder Geld?

Wir bestätigen unsere letzte Prognose, wonach wir im Jahr 2004 einen Gewinn nach Steuern zwischen 40 und 50 Millionen Euro ausweisen werden, allerdings auch aufgrund von Einmaleffekten. In diesem Jahr wollen und werden wir auch ohne Einmaleffekte schwarze Zahlen schreiben. Wir haben 2004 in allen Geschäftsbereichen unsere Ziele übertroffen. Und wir haben immer noch genug Geld, um uns strategische Investitionen leisten zu können. EM.TV ist zudem wieder in der glücklichen Lage, für Banken ein interessanter Kunden zu sein. Alles in allem sind wir somit gut gerüstet, sollten wir in den kommenden Jahren größere Akquisitionen ins Auge fassen.

EM.TV ist mit der Produktion und dem Vertrieb von Kinder- und Jugendprogrammen groß geworden. Heute dominiert der Sport. Können Sie nicht auf die Unterhaltungssparte verzichten?

Im Gegenteil, wir werden diese Sparte ausbauen. Der Kinder- und Jugend-Markt ist weltweit in einer Phase der Konsolidierung, bei der wir eine aktive Rolle spielen. Mit unserer Marke Junior TV und unseren anderen TV-Rechten haben wir eine Programm-Bibliothek, die mit rund 95 Millionen Euro in der Konzernbilanz steht. Diese Werte werden wir aggressiv vermarkten. Großes Wachstum ist vor allem auf dem asiatischen Markt möglich, der das Kinderfernsehen gerade erst entdeckt.

Lässt sich die Marke EM.TV im Ausland leichter vermarkten als hier zu Lande, wo man das Unternehmen noch mit dem Absturz am Neuen Markt und Bilanzbetrug in Verbindung bringt?

Die Kundenbeziehungen im Ausland sind weitaus weniger belastet.

Wie viel Haffa und Kirch stecken noch in EM.TV?

Die Vergangenheit ist bewältigt. Sie ist nur insofern noch gegenwärtig, als dass unsere Organhaftungsklagen gegen die Ex-Vorstände Thomas und Florian Haffa und den ehemaligen Aufsichtsratschef noch laufen. Und es gibt eine Reihe von Aktionärsklagen gegen das Unternehmen. All diese Klagen werden uns noch einige Jahre beschäftigen.

Wie stehen Sie zu Thomas Haffa?

Ich war Thomas Haffa in der Vergangenheit immer freundschaftlich verbunden. Diese persönliche Beziehung hat aber nichts mit der Verpflichtung des Unternehmens zu tun, Ansprüche gegen die ehemaligen Organmitglieder zu verfolgen und durchzusetzen. Es ist nachvollziehbar, dass sich dadurch eine Beziehung verändert.

Sie pflegen also keinen freundschaftlichen Umgang mehr mit ihm?

Nein.

Teilen Sie die Kritik an Managern wie Josef Ackermann, der bei der Deutschen Bank Stellen streicht, um ein ambitioniertes Renditeziel zu erreichen?

Ich glaube, dass Manager immer einen Ausgleich verschiedener Ziele anstreben sollten. Ich verstehe mich als jemand, der eine klare Verantwortung für die Mitarbeiter und Aktionäre hat. Und ich muss auch anderen Gruppen gerecht werden - den Kunden, den Dienstleistern, der Öffentlichkeit. Es mag sein, dass die Abwägung der Ziele nicht immer mit der nötigen Sensibilität vorgenommen wird. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass Vorstände großer Konzerne, die sich auf dem Weltmarkt messen müssen, Gefahr laufen, den Kontakt zu denen zu verlieren, die für sie arbeiten.

Macht man es den Unternehmern in Deutschland besonders schwer?

Ich glaube, dass unser Land ganz besondere, extreme Umgangsformen mit Unternehmen pflegt.

Das Interview führten Nicole Huss und Henrik Mortsiefer

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