Wirtschaft : EM.TV: Verluste in Milliardenhöhe

mwb/tmh

Die Lippen schmal, die Schultern leicht hochgezogen - so verkündete der einst schillernde Medienunternehmer und Vorstandschef der EM.TV & Merchandising AG, Thomas Haffa, am Montag den wohl höchsten Verlust, den je ein Unternehmen am Neuen Markt geschrieben hat. Das Minus von 2,8 Milliarden Mark übertraf sogar die schlimmsten Erwartungen der Analysten. Allein auf Abschreibungen für die Formel 1 entfielen 1,3 Milliarden Mark und auf die Jim Henson Company ("Muppets-Show") 684 Millionen Mark. Bis wenige Stunden vor Beginn der Pressekonferenz habe man noch bilanzielle Grundsatzfragen klären müssen und diverse Gutachten abgewogen, die das Jahr des EM.TV-Absturzes nötig gemacht hat, räumten Haffa und der neue Finanzvorstand Rolf Rickmeyer ein. Die Testierung der Zahlen durch einen Wirtschaftsprüfer steht entgegen den Vorschriften noch aus. Den endgültigen Konzernabschluss stellte EM.TV für den 21. Mai in Aussicht. Die Notierung der Aktie war während der Bilanzpressekonferenz ausgesetzt worden. Rücktrittsgerüchte wiesen jedoch sowohl Haffa als auch Rickmeyer zurück. Grafik: Schlusskurse in Euro "Wir haben bei der Expansion dem operativen Geschäft nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt, die interne Organisation vernachlässigt, und unsere Kontrollmechanismen haben nicht ausgereicht",leistete Haffa einen unternehmerischen Offenbarungseid bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Damit seien aber sämtliche Belastungen verarbeitet. Bei einem verbliebenen Eigenkapital von 1,5 Milliarden Mark sei die Existenz des Unternehmens nicht in Gefahr und die Basis für einen Neubeginn geschaffen. Eine Prognose 2001 wagte Haffa nicht, weil sich EM.TV keine falsche Voraussage mehr leisten könne. Auch das erste Quartal sei noch "wenig befriedigend verlaufen" räumte er ein. Praktisch sei EM. TV erst seit einigen Wochen mit seinem Kerngeschäft um die Marke Junior TV wieder am Markt präsent, ergänzte Neuvorstand Rainer Hüther, der zuvor Manager in der Kirch-Gruppe war.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Um wieder in die Gewinnzone zu kommen, müsse sich EM.TV aber definitiv "von einer Vielzahl von Gesellschaften trennen", sagte Rickmeyer mit Blick auf drückende Zinslasten. Jede Beteiligung stehe auf dem Prüfstand, bestätigte Haffa. Im Fall der Jim Henson Company, die EM.TV 2000 vollständig übernommen hat, sucht er einen strategischen US-Partner als Alternative zum Totalverkauf. Dazu gebe es schon Gespräche. Kartellrechtlich geboten sei ein Verkauf des auch jüngst erworbenen 45-prozentigen Anteils am Kirch-Konkurrenten Tele München Gruppe (TMG). Im Formel-1-Engagement muss EM.TV voraussichtlich im September weitere Slec-Anteile an Kirch als Gegenleistung für dessen jüngste Finanzspritze an EM.TV abtreten. Danach hält EM.TV nach ursprünglich der Hälfte nur noch 17,5 Prozent der Slec und Kirch mit 57,5 Prozent die Mehrheit. Das restliche Viertel ruht bei Formel-1-Mogul Bernie Ecclestone. Zudem wolle EM.TV im laufenden Jahr die Kosten auf 85 Millionen Mark halbieren und eventuell auch Stellen streichen. Die AG beschäftigt 162 Personen.

Trotz der Selbstkritik von Haffa kündigten Aktionärsschützer weitere Schadenersatzklagen gegen das Unternehmen an und forderten den Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will ihre Schaden-Ersatzklage demnächst einreichen. Ein erster Klageentwurf sei bereits fertig, teilte die DSW mit. Laut Schutzvereinigung haben 2500 EM.TV-Aktionäre Interesse gezeigt, sich der Klage anzuschließen. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) forderte Haffas sofortigen Rücktritt. "Mit dieser Mannschaft hat EM.TV keine Zukunft", sagte SdK-Chef Klaus Schneider in München. "Wer fast drei Milliarden Verlust produziert, kann nicht Vorstandsvorsitzender bleiben."

0 Kommentare

Neuester Kommentar