EM & Unternehmen : Glotzen statt Klotzen

Am Mittwoch endet in manchen Firmen die Spätschicht früher, damit Fußball geguckt werden kann.

Daniel Rhee-Piening
Fan
Gemeinsam zittern wollen auch die Beschäftigten aus der Industrie. -Foto: ddp

Berlin - Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In den deutschen Firmenzentralen laufen die Verhandlungen, wie mit dem Fußballspiel Deutschland - Türkei am Mittwochabend umgegangen wird. Dabei zeigen sich die meisten Unternehmenschefs fußballfreundlich, sie wollen ihren Mitarbeitern ermöglichen, das Spiel im Fernsehen zu verfolgen. DIHK- Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben sagte auf Anfrage: „Die Unternehmen haben schon bei der WM 2006 bewiesen, dass sie keine Spielverderber sind. Ich gehe davon aus, dass das am Mittwochabend, wenn die deutsche Nationalmannschaft gegen die Türkei antritt, sicher nicht anders sein wird. Vielfach können fußballbegeisterte Mitarbeiter Überstunden abfeiern. Wo das nicht geht, wird oft ein Fernseher zur Verfügung gestellt.“

Zum Teil beugen sich die Firmen aber auch einfach dem schon entstandenen Druck. Die IG Metall in Bayern beispielsweise hat alle Unternehmen mit Spätschichten aufgefordert, betroffenen Mitarbeitern rechtzeitig freizugeben. Es gebe genügend Möglichkeiten, die Stunden nachzuholen.

Viele Unternehmen nutzen dazu jene Möglichkeiten, die flexible Arbeitszeiten und Arbeitszeitkonten bieten. Bei BMW – der Münchener Konzern produziert in Berlin-Spandau Motorräder – sehen die Pläne so aus: Die Spätschicht am Mittwoch endet eine Stunde vor Spielbeginn. Die Nachtschicht beginnt erst um null Uhr. Die nicht geleisteten Stunden werden mit den Arbeitszeitkonten verrechnet. „Unser Ziel ist es, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, das Fußballspiel zu sehen“, sagte BMW-Sprecherin Dörthe Einicke auf Anfrage. Ähnlich sieht es bei den anderen deutschen Automobilherstellern aus. „Wir haben von hier aus das ’Go’ gegeben“, sagt eine Daimler-Sprecherin in der Stuttgarter Zentrale. „Jeder vor Ort muss das jetzt umsetzen.“ Dies gilt auch für das Motorenwerk in Berlin. Zuvor hatte Daimler-Chef Zetsche abgekündigt, dass alle Mitarbeiter in den deutschen Werken das Spiel im Fernsehen verfolgen können. Bei Porsche endet die Spätschicht eine Stunde früher als sonst. Früher Schluss machen auch Opel und ABB.

Bei Philip Morris, die in Berlin-Neukölln Zigaretten produzieren, bleibt es Vorgesetzten und Mitarbeitern überlassen, eine Regelung zu finden. „Wir stellen die Maschinen nicht ab, aber wir bieten eine Übertragung in einem Konferenzraum an. Dies hat sich schon bei den anderen Spielen der Deutschen Mannschaft bewährt“, sagte eine Sprecherin. Ebenfalls Erfahrungen mit Fußball hat Gillette mit seinem Werk in Berlin-Tempelhof während der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren gesammelt. „Wir haben für alle unsere Werke in Deutschland eine sozialverträgliche Lösung gefunden“, sagt Sprecherin Susanne Diehm. „In Berlin wird das Spiel in der Kantine übertragen, aber wir fürchten nicht, dass die Kantine voll und die Produktionshalle leer sein wird.“ Wer produzieren muss, bekommt über den PC wenigstens die aktuellen Ergebnisse. Im Berliner Werk arbeiten rund 1100 Mitarbeiter, etwa 150 von ihnen sind türkischstämmig.

Insbesondere in vielen Dienstleistungs- und Transportunternehmen ist die Lösung nicht ganz so einfach. Bei der Deutschen B ahn kann nur ein Teil der Belegschaft zuschauen. „Wir können leider nicht allen dienstfrei geben“, sagte Konzern-Chef Hartmut Mehdorn. Wo es möglich sei, werde man den Beschäftigten aber die Gelegenheit geben. In den Personenzügen werde es ständig Durchsagen zu den aktuellen Spielständen geben. Hart zeigt sich die Betriebsführung von Bahlsen, die in Tempelhof produzieren. „Bei uns darf keine Schicht ausfallen“, sagt eine Sprecherin in der Konzernzentrale in Hannover. Keine Sonderregelung wird es auch bei Osram geben. Diejenigen von den mehr als 2000 Berliner Mitarbeiter, die am Mittwochabend zur Spätschicht antreten, werden sich mit einer Zusammenfassung des Spiels begnügen müssen. Übermäßig viele Krankschreibungen fürchtet man bei Osram indes nicht.

Auch bei Siemens müssen sich die Mitarbeiter für das Finale frei nehmen. Immerhin: In den Pausenräumen gibt es Fernsehgeräte. Eine Sprecherin von Bayer relativiert die Bedeutung des Fußballspiels: „Unsere Anlagen müssen kontinuierlich laufen. Sie sind auch an Weihnachten durchgehend in Betrieb.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar