Wirtschaft : Emilie Agnes Nierhaus

Geb. 1909

Marc Neller

„Mein Sohn ist Professor, er isst nur dünn geschnittenes Bündnerfleisch.“ Der Nachbarsjunge hatte einen so schönen Seitenscheitel, und er traf gleich bei ihrer ersten Begegnung den richtigen Ton: „Hau ab, du Schickse!“

Dass sie nicht von ihrem Plan abließ, Hermann Nierhaus zu heiraten, darf man zweierlei Umständen zuschreiben. Erstens ihrem Alter, sie war sechs und nicht sehr nachtragend. Zweitens hatte sie eine Neigung zu klaren Worten und wilden Kindern. Daran hat sich bis zuletzt nichts geändert.

Bis der Nachbarsjunge ihr Ehemann wurde, brauchte Emilie etwas Geduld und die Hilfe ihrer Brüder. Sie war fünfzehn, als sie sich mit Hermann Nierhaus abends in der Laube treffen wollte. Ein Bruder setzte sich zu Hause ans Klavier und spielte laut „Nähe zu Dir, mein Gott“, der zweite zog im Kinderzimmer die schwere Jalousie hoch. Behutsam, im Takt, so dass die Eltern nichts hörten. Und Emilie stieg durchs Fenster.

Siebenundzwanzig war sie, als sie heiratete. Nach ein paar Ehejahren zog ihr Mann in den Krieg. 1945 kehrte er zurück, tuberkulosekrank und depressiv. Wenig später starb er, und der jüngste Sohn erkrankte an Diphtherie. „In dieser Zeit habe ich das Weinen verloren“, erzählte Emilie Nierhaus später ihren Enkeln. Der Sohn überlebte.

Und dennoch hat Emilie Nierhaus wohl in jenen Nachkriegsjahren lernen müssen loszulassen. Sie nahm Kinder auf, deren Mütter nicht zurechtkamen, fühlte, als sei sie die leibliche Mutter. Holten die Mütter nach Jahren ihre Kinder wieder ab, schaltete sie um auf Tante, scheinbar selbstverständlich. Sogar bei Anita.

Anita, zweieinhalb, als sie vor Emilies Tür stand, eine Schleife im Haar wie ein Riesenpropeller. Anita wischte sich mit dem Alten Testament den Hintern ab. Die Bibel war wertvoll und bei der Frau Bürgermeister entliehen. Emilie Nierhaus lachte trotzdem. Sie lachte auch, als Anita im Mehlsack tauchte, bis sie fand, sie gebe ein passables Gespenst ab.

Um einen Sack Mehl musste Emilie Nierhaus auch in der Nachkriegszeit nicht lange trauern. Ihre Vorfahren waren reich, Geld beziehungsweise der Mangel daran spielte in ihrem Leben keine große Rolle. Das erfuhren auch ein paar vermögende Herren, die um die gepflegten, feingliedrigen Hände der brünetten Dame mit den blauen Augen anhielten. Wenn ein Bewerber abgezogen war, fuhren ihre Kinder mit den Rädern los, um sein Haus zu begutachten. In der Hoffnung, an Geburtstagen und zu Weihnachten reich beschenkt zu werden, kamen sie mit glühenden Gesichtern zurück. „Lasst mal“, sagte ihre Mutter. Heiraten wollte sie nicht mehr, und für die wöchentliche Pilgerfahrt ins KaDeWe reichte das Geld später auch so.

Die Verkäuferinnen in der Feinkostabteilung erkannten von Weitem die weißhaarige Dame, die das Bündnerfleisch immer „bitte seeehr dünn geschnitten“ verlangte – „Mein Sohn ist Professor, er isst nur dünn geschnittenes Bündnerfleisch.“

Oma Mille lebte immer dort, wo ihre Familie lebte, wo sie gebraucht wurde. 20 Mal ist sie umgezogen, Altessen, Bochum, Bodenwerder, später Berlin. Dorthin folgte sie dem Sohn 1974, damit sie die Enkel aufziehen und deren Eltern entlasten konnte. So jemand kann nicht ohne die Kinder und die Enkel sein, dachten die Kinder und die Enkel. Bis zu jenem Sonntagsfrühstück 1988. Sie habe Wichtiges mitzuteilen, kündigte sie an. „Ich werde ausziehen, meine Lieben. Eure Kinder sind groß. Die letzten paar Jahre will ich mich um mich kümmern.“

Emilie Nierhaus zog zurück nach Nordrheinwestfalen. Aber inzwischen waren ihre Freunde gestorben, Verwandte, zuletzt auch ihre Schwestern. Sie gehörte nirgends dazu, wurde von niemandem gebraucht. Ein paar Jahre ertrug sie das, sie wirkte etwas verwirrt, dann holte der Sohn sie nach Berlin zurück.

Und dort, kurz vor ihrem Tod, gab es noch etwas, das sie nur für sich hatte. Im Altenheim wohne ein Herr, „mit dem reise ich noch mal nach Holland“, sagte sie. Ob allein die Erinnerung an Holland ihren Blick verklärte? Dort hatte sie vor der Hochzeit ihre schönsten Jahre in einer großbürgerlichen Familie erlebt. Niemand hat es erfahren.

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