Wirtschaft : Emissionsgeschäft aus den Fugen geraten

ROBERT LANDGRAF (HB)

Wann ist ein Unternehmen "börsenfähig"? / Alte Faustregeln gelten nicht mehrVON ROBERT LANDGRAF (HB)Seit dem Start des Neuen Marktes ist das Aktienemissionsgeschäft in Deutschland aus den Fugen geraten.Alte Faustregeln gelten nicht mehr; neue werden schnell wieder über den Haufen geworfen.Heutzutage drängen beispielsweise vor allem junge, wachstumsstarke und innovative Unternehmen an die Börse.Kein Vergleich zu den vergangenen 17 Jahren, wo nach den Worten von Franz-Josef Buss vom Corporate Finance der Westdeutschen Landesbank fast nur alteingesessene Familienunternehmen den Schritt aufs Parkett gewagt hatten. Auch bei der Emissionsgröße ist alles in Bewegung geraten.Während früher ein Going public bei einer Gesellschaft mit einem Umsatz von bis zu 50 Mill.DM undenkbar gewesen wäre, ist das inzwischen bei einem Wachstumsunternehmen kein Problem mehr.Die Anleger akzeptieren Unternehmen, die klein sind und ihre Zukunft in erster Linie noch vor sich haben.Ohnehin: Privatanleger haben Neuemissionen wiederentdeckt."Nach der Mammutemission der Deutschen Telekom sind die Kleininvestoren zurückgekommen", konstatierte Buss auf einer Veranstaltung der WSF Wirtschaftsseminare in Frankfurt (Main). Trotz der Euphorie müssen Unternehmen gewisse Mindestvoraussetzungen erfüllen, um von den Banken als "börsenfähig" anerkannt zu werden.Dazu zählt das Plazierungsvolumen, sprich der Kurswert der zu plazierenden Aktien.Es sollte bei 20 Mill.DM liegen.50 bis 100 Mill.DM sind den Emissionshäusern allerdings lieber. Wichtig ist nach den Worten des Profis auch eine nachhaltig positive Umsatz- und Ertragsentwicklung sowie eine angemessene Umsatzrendite.Besonderes Augenmerk legen die Banker zudem auf eine klare Führungs- und Organisationsstruktur, ein leistungsfähiges Controlling- und Berichtswesen sowie durchschaubare Beteiligungsverhältnisse.Außerdem muß die Bereitschaft zu Publizität und Mitbestimmung bestehen. Als Aktiengattung ist klar erkennbar, daß Vorzugsaktien ein Auslaufmodell sind.Am Neuen Markt etwa sind Stämme vorgeschrieben.Allerdings wurde in diesem Börsensegment mit der Notiz der "Quasi-Vorzüge" des Internet-Dienstleisters 1 & 1 (Rechtsform Aktiengesellschaft & Co.KGaA) die Grundsatzentscheidung durchbrochen.Der Kursabstand bei den 25 deutschen Unternehmen mit beiden Aktiengattungen liege bei 20 bis 25 Prozent, macht Buss einen Vorteil der Stämme deutlich. Vorstände sollten es in der Regel mindestens zwei, Aufsichtsräte wenigstens sechs Personen sein.Als gute Monate für Aktienemissionen sehen die Banken April/Mai/Juni an, da hier der frische Jahresabschluß für das abgelaufene Jahr vorliegt.Sommerpause ist im Juli/August.Danach läuft das Geschäft im September/Oktober nochmals gut, um wegen fehlender Großinvestorennachfrage im November/Dezember auszulaufen. Bei der Unternehmensbewertung nähern sich die Banken von zwei Seiten, um einen fairen und wettbewerbsfähigen Preis zu erzielen: Der Vergleich von Kerngrößen wie etwa der Gewinn vor Zinsen und Steuern, Cash-flow, Ertrag je Aktie und erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis mit den Zahlen ähnlicher Unternehmen.Hinzu kommen allgemeine Faktoren wie die Kapitalmarktsituation, das Umfeld für Emissionen und die Branchenkonjunktur.Auf der anderen Seite ist der "Discounted Cash-flow" eine wichtige Bestimmungsgröße.Hier wird der Unternehmenswert als Summe aller künftig erwarteten flüssigen Mittel angesehen, abgezinst auf den jetzigen Zeitpunkt.Unternehmensbezogene Faktoren wie Marktposition, -volumen und Wachstumspotential spielen ebenfalls eine Rolle.Für eine Börseneinführung sollten Unternehmen nach Ansicht von Buss sechs bis neun Monate Zeit ansetzen.Das Minimum liege bei drei Monaten. Das Bookbuilding ist zur Zeit die nahezu ausschließlich genutzte Methode, um den "marktgerechten" Preis zu finden.Zunächst wird hier eine Bandbreite für den Emissionspreis festgelegt.Zuteilung und Preisfindung erfolgt erst am Ende des Bietungsprozesses.Dem Unternehmen werden die Investoren (Großanleger) offengelegt.Die Zuteilung richtet sich nach der Investorenqualität.Als größte Vorteile des Verfahrens nennt Buss: Die Festlegung des Ausgabekurses erfolgt markt- bzw.nachfrageorientiert.Die Aktionärsstruktur bei der Zuteilung ist transparent. Um einen funktionierenden Sekundärmarkt (Markt nach der Emission) aufzubauen, sind laut Buss die Kurspflege durch die Banken, kontinuierliches Marketing und regelmäßige Unternehmensanalysen nötig.Dem Aufbau von dauerhaften Investorenbeziehungen sei großes Gewicht zu schenken.Zudem sollten die Emissionshäuser die börsennotierte Gesellschaft bei Hauptversammlungen und Analystenveranstaltungen begleiten sowie in allen Kapitalmarktfragen beraten.

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