Wirtschaft : Ende der Konsumflaute kommt in Sicht

Geplante Steuerentlastung bessert die Stimmung der Verbraucher / Händler nutzen langen Sonnabend nicht aus

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Berlin (lan/msh). Die Flaute im deutschen Einzelhandel könnte nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten ihren Tiefpunkt überschritten haben. „Der Konsum hat sich in den vergangenen Monaten besser entwickelt als erwartet“, sagt Hans Günter Russ, Konjunkturexperte am Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München. So hätten die privaten Ausgaben im ersten Quartal 2003 im Vergleich zum vierten Quartal 2002 um 1,3 Prozent zugelegt. Diese „positive Tendenz“ hat sich im Juni fortgesetzt, sagt Ullrich Eggert, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens BBE. Als Gründe für den Stimmungswandel der Verbraucher nennen die Forscher die Aussicht auf Steuerentlastungen, das Anpacken weiterer Reformen durch die Bundesregierung und die längeren Ladenöffnungszeiten.

Der Einzelhandel war im vergangenen Jahr besonders hart von der Wirtschaftsflaute getroffen worden. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, die misslungene Einführung des Euro und die steigende Belastung mit Steuern und Abgaben führten zu einer Konsumverweigerung der Verbraucher. Nach der Entscheidung der Bundesregierung, die Steuerreform vorzuziehen und weitere Reformen in Angriff zu nehmen, scheint sich die Lage jetzt zu bessern. „Die Stimmung hat sich in den vergangenen sechs Wochen spürbar gebessert“, sagt BBEGeschäftsführer Eggert. Das treffe sowohl auf die Konsumenten als auch auf die Händler selbst zu.

Für das Gesamtjahr rechnet Eggert für die Branche nicht mit einem Umsatzminus von einem Prozent im Vergleich zu 2002, wie der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) bisher annahm. Eher wahrscheinlich sei ein Wert zwischen null und minus 0,5 Prozent. Optimistischer als der HDE ist auch das Ifo. „Wir schätzen, dass der Einzelhandelsumsatz in diesem Jahr auf dem Niveau des Vorjahres bleibt“, sagt Russ.

Allerdings entwickelt sich das Geschäft in den einzelnen Bereichen des Handels noch sehr unterschiedlich. Gefragt sind nach Angaben des BBE derzeit wieder Nahrungsmittel, Kosmetika sowie Bau- und Heimwerkerbedarf. Zu den Verlierern gehört dagegen der Textilhandel, der schon seit fast zwei Jahren mit hohen Rabatten gegen die Flaute kämpft. Auch der Handelsverband BAG, der vor allem große und mittlere Händler vertritt, hofft auf einen Konsumschub durch das Vorziehen der Steuerreform. „Allein die Ankündigung einer Steuersenkung könnte das Einkaufsverhalten positiv ändern, schon in diesem Jahr“, sagte BAG-Präsident Walter Deuss am Mittwoch in Berlin. Die Aussicht auf ein höheres Nettoeinkommen könnte dazu führen, dass die Verbraucher nicht mehr aus Angst sparen, sondern ihr Geld wieder ausgeben. Schätzungen des Wirtschaftsforschungsinstitutes Ifo zufolge wird sich die Sparquote bereits in diesem Jahr von 10,4 auf 10,3 Prozent des verfügbaren Einkommens verringern und sich auch im kommenden Jahr auf diesem Niveau halten.

Eine positive Wirkung auf die Stimmung der Verbraucher hat nach Ansicht von BAG-Präsident Deuss auch die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten an Sonnabenden bis 20 Uhr. In den Innenstädten „hat sich die Verlängerung der Samstagöffnung als Stimulanz erwiesen und die Erwartungen übertroffen“, sagte Deuss. Vor allem ein hoher Anteil junger Konsumenten mache von den Einkaufsmöglichkeiten am späten Sonnabendnachmittag Gebrauch.

Allerdings nutzen bislang nicht alle Händler die neuen Möglichkeiten. Bei den Warenhäusern von Kaufhof öffnen nach Angaben eines Sprechers bislang 28 von 135 Häusern bis 20 Uhr, 84 Filialen bis 18 Uhr. Vor allem in den attraktiven Innenstadtlagen bleiben die Läden länger offen, während an der Peripherie früher geschlossen werde. Bei Karstadt nutzen 40 von 189 Kaufhäuser die längeren Öffnungszeiten voll aus, die Mehrheit schließt um 18 Uhr. Sprecher beider Konzerne betonten aber, dass ab Oktober, wenn das Weihnachtsgeschäft anläuft, weitere Filialen länger geöffnet werden. Entschieden werde aber für jeden Standort einzeln.

Noch ist unklar, ob die längeren Öffnungszeiten sonnabends nur zu einer Verschiebung der Umsätze führen. „Eine Änderung der Einkaufsgewohnheiten bemerken wir noch nicht“, sagte eine Sprecherin des Lebensmittelhändlers Tengelmann (Kaiser’s). Bisher habe sich der lange Sonnabend nicht negativ auf andere Einkaufstage ausgewirkt.

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