Wirtschaft : Ende des Idylls

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Von Peter Dinkloh

Der Skandal um den mit Nitrofen verseuchten Bioweizen bedroht den gesamten ökologischen Landbau. „Es wird mit Sicherheit große Schwierigkeiten geben“, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau, Felix Prinz zu Löwenstein. Kritiker in der Öko-Bewegung werfen Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) vor, sie hätte die Bio-Bewegung zu schnell vorangetrieben – zu Lasten der Qualität.

Obwohl seit dem Wochenende die Raiffeisenverbände und nicht mehr die Bio-Branche im Zentrum des Nitrofen-Skandals stehen, haben die vergangenen Tage die ÖkoBranche schwer erschüttert. Selbst wenn die Bio-Bauern durch die jüngsten Erkenntnisse entlastet werden, dürfte es mit dem grenzenlosen Vertrauen in die Öko-Produkte jetzt erst einmal vorbei sein. Und vielleicht auch mit den ehrgeizigen Zielen von Ministerin Künast. Sie hatte angekündigt, den Anteil des Öko-Landbaus in Deutschland auf 20 Prozent hochtreiben zu wollen. Derzeit liegt er gerade mal bei 3,7 Prozent.

Kritiker aus der Bio-Branche befürchten, dass ein Öko-Landbau in großem Maßstab gar nicht möglich ist. „Die Ministerin hat die Bio-Produkte mit aller Gewalt in die Supermärkte getrieben“, sagt Robert Erler, Sprecher der Berliner Naturkost-Kette Bio Company. „Das Konzept scheitert, weil gar nicht genug Rohware vorhanden ist.“ Erler befürchtet, dass es zwangsläufig noch weitere Betrugsfälle geben wird. Der Vorsitzende des Agrarausschusses im Europaparlament, Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf (Grüne), nennt die gegenwärtige Krise schon jetzt eine Katastrophe für die Öko-Landwirtschaft. Und fordert einen Schadensersatzfonds für in Not geratene Biobauern. Solche Rufe kannte man bislang nur von der konventionellen Landwirtschaft. Renee Herrnkind vom Erzeugerverband Demeter sieht die Branche in der Krise. „Auf unserem Weg liegt ein gewaltiger Felsbrocken“, sagt sie. Auch Silvia Binder, Sprecherin von Bioland, Deutschlands größtem Verbund von Öko-Bauernhöfen, befürchtet starke Einbrüche: „Der Bio-Boom erleidet einen Knick.“

Dabei hatte sich die ökologische Landwirtschaft im vergangenen Jahrzehnt gerade von einer viel belächelten Alternativbewegung zu einer sehr profitablen Branche entwickelt. Dieser Trend begann Anfang der 90er Jahre. Eine EG-Verordnung verhieß 1989 erste Prämien für die ökologische Landwirtschaft – der biologische Landbau begann sich zu rechnen. Weitere Förderprogramme beschloss die EU 1992 und 1999. Wenn Landwirte auf biologische Produktionsweise umstellen, erhalten sie für zwei Jahre eine Prämie. Diese Prämie bezahlen je zur Hälfte die EU und der Bund oder die Länder.

Auch immer mehr Verbraucher glauben an Bio. Nach Schätzungen der Fachhochschule Neubrandenburg wurden im vergangenen Jahr bis zu 60 Prozent mehr biologisch produzierte Produkte als im Vorjahr gekauft – obwohl die Produkte im Schnitt deutlich teurer sind. Der Gesamtanteil ökologischer Produkte am Lebensmittelmarkt lag bei rund 2,5 Prozent.

Das alles steht jetzt auf dem Spiel. Die Bio-Branche will die Folgen des Skandals gering halten, indem sie auf ihren Willen zur Aufklärung verweist. Nur durch die strengen Kontrollen seien die Rückstände des Pflanzengiftes überhaupt aufgefallen, sagen Befürworter. Für den Abgeordneten Graefe zu Baringdorf kann der Weg aus diesem Skandal aber nur über noch schärfere Sanktionen für Futtermittelproduzenten führen.

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