Wirtschaft : Endlich in Bewegung (Kommentar)

Alfons Frese

Die Atempause tut gut. In den kommenden zwei Jahren muss die IG Metall keine Tarifverhandlungen führen; auf Kraftmeiereien und Massenmobilisierungen kann verzichtet werden. Statt Getöse um Lohnprozente nun also sachliche Diskussion um die Zukunft. Endlich. Es wird höchste Zeit, dass die weltweit größte Einzelgewerkschaft die Kurve kriegt und sich als Dienstleister für ihre Mitglieder und gesellschaftliche Kraft neu positioniert. Die Notwendigkeit belegt allein die Mitgliederstruktur: Die IG Metall vergreist, junge Leute kommen kaum nach. Attraktiv für neue Branchen und deren Mitarbeiter wird die Gewerkschaft nur mit mehr Flexibilität. Der Flächentarifvertrag wird nur überleben, wenn er aufweicht: Weniger kollektive Tarife quer über Branchen und Regionen, mehr Gestaltungsspielräume für die einzelnen Betriebe. Dazu bringt die IG-Metall-Spitze jetzt differenzierte Lohnerhöhungen und Öffnungsklauseln ins Gespräch bringt - viele Jahre Teufelszeug für die Funktionäre.

Eine weitere Herausforderung ist die Vermögensbildung der Arbeitnehmer. Bei der anstehenden Rentenreform bekommen nun private und betriebliche Formen der Altersvorsorge neue Bedeutung; auch die Beteiligung am Kapital. Schließlich hat IG-Metall-Chef Zwickel inzwischen erkannt, dass die Börseneuphorie zu einer Art Volksbewegung wurde. Erkenntnisprozesse in einer Großorganisation dauern bisweilen lange. So wurde die Dynamik der new economy lange verkannt; auch deshalb fehlen heute Fachkräfte in der Informationstechnologie. Vor dem Hintergrund kündigt die IG Metall ein Konzept zur Weiterbildung und lebenslangem Lernen an. Auch das ist überfällig. Alles in allem scheint der Tanker IG Metall in Bewegung zu kommen.

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