Wirtschaft : Endstation der Superlative

HARALD LACHMANN[LEIPZIG]

Der Leipziger Bahnhof präsentiert sich nach zweijährigem Umbau als Deutschlands modernster Verkehrsknoten und KonsumtempelVON HARALD LACHMANN, LEIPZIG

Auf einem Ameisenhaufen geht es geordnet zu im Vergleich zu der gegenwärtigen hektischen Betriebsamkeit auf dem Leipziger Hauptbahnhof.Über 1000 Bauleute erzeugen hier mit Bohrmaschinen und Preßlufthammern rund um die Uhr einen ohrenbetäubenden Lärm.Hinzu kommen Hunderte Handwerker aller Couleur, alle erkennbar im Endspurt begriffen.Immerhin soll bis 12.November alles stehen, hängen und blitzen.Vorerst noch kaum vorstellbar, doch Projektchef Jürgen Fahrenbach glaubt fest an den Termin.Immerhin kann sich dann der größter Kopfbahnhof des Kontinents mit weiteren Superlativen schmüêken: Deutschlands modernste und Europas schönste Verkehrsstation. Seit dem Baubeginn 1995 müht sich die Bahn AG, ein bundesweit einmaliges Modell zu realisieren: Eine Symbiose aus Supermarkt und Eisenbahnknotenpunkt, Kongreßzentrum und Erlebniscenter.Attraktiver Überlandverkehr soll für die Bahn künftig mit S anfangen: S wie Service, Sauberkeit, Sicherheit, Sympathie und Sauerstoff.Die Bahnstation soll sich als Ereignis empfehlen.Um wieder mehr Passagiere von der Straße abzuwerben, will sich der Bahnhof als hochwertiges innerstädtisches Dienstleistungszentrum darbieten, und vom kalten, grauen und tristen Schmuddelimage wegrücken. Neben Köln sollte also die ostdeutsche Messestadt für dieses hehre Ziel Modell stehen.Eine halbe Mrd.DM kostete die umfänglichste Sanierung in der 82jährigen Geschichte des Schienenmonstrums, dessen Infrastruktur nun eine kleine Stadt in sich bildet.Denn allein 1100 Quadratmeter Kongreß- und Tagungsräume sowie 2500 Quadratmeter für eine vielfältige Gastronomie laden den Bahnreisenden ein, bei Geschäftsreisen das Bahngelände überhaupt nicht mehr verlassen zu müssen: Er steigt aus dem Zug, rollt eine Treppe höher ins Tagungscenter, vertritt sich in der Pause die Beine beim kurzen Weg zum Lunch im Bistro, kauft abends in einem der über hundert Läden noch ein Mitbringsel ein und rollt wieder heim. Freilich kann er auch im Bahnhof übernachten, vorm Zubettgehen noch in der Sauna relaxen, seinen fleckigen Anzug reinigen lassen, einen Arzt oder Therapeuten konsultieren und anschließend in einem der historischen Wartesäle ein urige Fete erleben.Immerhin befindet sich nach Wiedereröffnung rund ein Fünftel der gesamten City-Handelsfläche Leipzigs unter der auf Hochglanz polierten Bahnhofskuppel.Zum Ärger anderer Innenstadthändler erörtert das sächsische Wirtschaftsministerium nun gar noch eine Ausnahmeverordnung, daß über 20 000 Quadratmeter der Verkaufsflächen sieben Tage die Woche bis 22 Uhr öffnen dürfen.Kein Wunder, daß mehr als 90 Prozent der Läden, Boutiquen und Salons, die sich heute in mehreren Etagen unterm einstigen 270 Meter langen Querbahnsteig staffeln, bereits vermietet sind. Viele Leipziger hatten die Umbaupläne jedoch zunächst mit Skepsis verfolgt.Sie fürchteten, im typischen Charakterbau ihrer Stadt könne eine unechte Glitzerwelt à la Disneyland entstehen.Vor allem das Vorhaben, auf den beiden letzten der insgesamt 26 Bahnsteige ein mehrstöckiges Parkhaus zu errichten, quasi mitten im denkmalgeschützten Bahnhof selbst, hatte zunächst Tausende zu Demonstrationen getrieben.Doch die Angst schien so nicht begründet.Bauplaner und Handwerker bewiesen viel Gefühl und Geschick fürs Detail an der historischen Sandsteinhaut.Auch die Jugendstilfenster im früheren Preußischen Wartesaal lassen wieder Licht passieren, Kunsthandwerker restaurierten geschnitzte Eichengeländer und broncierte Wartesaaldeêken. Überdies waren in einem italienischen Steinbruch über 6000 Quadratmeter Granit in Sonderfarben für Querbahnsteig, beide Eingangshallen und das moderne Reisezentrum gewonnen worden.Zum weit überwiegenden Teil übrigens finanziert aus privatem Anlegerkapital.Dazu hatte die in Frankfurt/Main beheimatete Bahnhof Management Entwicklungsgesellschaft einen geschlossen Immobilienfonds gebildet.Auch dies ein bundesweit einmaliges Finanzierungsmodell für eine öffentliche Verkehrseinrichtung.Große Auflagen gab die Bahn AG den Bauplanern nicht vor.Lediglich die geschützte Außenhaut stand nie zur Disposition.Doch unter der gewölbten Haube war nahezu alles erlaubt, ja erwünscht. Insgesamt waren knapp 60 000 Quadratmeter Fläche zu verplanen, die nun in Erbpacht an die Investoren vergeben wurde.Der gewaltige, 32 Meter breite Querbahnsteig bildete dabei die gläserne Vermarktungsgrenze, hinter der sich wie bisher normaler Bahnhofsbetrieb abspielt.Wobei sich diese Normalität auch wieder in steigenden Fahrgastzahlen ausdrücken soll.Denn derzeit passieren den größten mitteldeutschen Verkehrsknoten am Tag 50 000 bis 80 000 Menschen, in der autoärmeren DDR lag diese Zahl fünfmal so hoch, was die avisierten Umsatzreserven verdeutlicht.Schon bald, so hofft Projektleiter Fahrenbach, soll sich diese Tagesquote wieder auf 180 000 Bahn(hofs)gäste erhöhen.Damit freilich jene Endstation Supermarkt bei allem noch ein Bahnhof bleibt, konzipierte die Bahn AG für Leipzig auch ein neues System von Serviceleistungen, die sich am ehesten mit modernen Flughäfen vergleichen lassen.So erhielt der Hauptbahnhof auch ein zeitgemäßes Wegeleitsystem mit vier gewaltigen elektronischen Anzeigetafeln, wie man sie von Airports kennt.

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