Energie der Zukunft : Wir oder die

Im Wahljahr spaltet sich die Branche immer mehr: Wind und Sonne gegen Atom und Kohle.

Kevin Hoffmann
Kernkraftwerk
In Europa werden wieder neue Kernkraftwerke gebaut. -Foto: AFP

Berlin - Bei der einstündigen Präsentation verlief zunächst alles nach Plan. Führende Branchenvertreter der erneuerbaren Energien erklärten am Mittwoch zum Auftakt ihrer Jahreskonferenz, wie sie sich den Energiemix im Jahr 2020 vorstellen: 47 Prozent des Stroms soll dann mit Wind, Sonne und Bioenergie erzeugt werden. Heute liegt der Anteil bei 15 Prozent. Die Lobby konnte auch einen stellvertretenden Staatssekretär aus Dänemark gewinnen, der freundlich ausführte, wie sein Land es geschafft hat, schon heute 20 Prozent des Stroms allein durch Windkraft zu erzeugen. Dann durften Journalisten Fragen stellen.

In der letzten Reihe meldete sich ein Mann zu Wort: „Kienle, Magazin für Elektrizitätswirtschaft“, stellte er sich vor, wollte aber offenbar nicht fragen, sondern etwas sagen: Allein der Chemiekonzern BASF brauche auf seinem Betriebsgelände mit einer Fläche von zehn mal zehn Kilometern so viel Strom wie ganz Dänemark. Daher könne man die Länder gar nicht vergleichen. „Vor allem im Süden Deutschlands brauchen wir weiter Atomkraftwerke. Sonst wird das alles nichts“, sagte er weiter.

Friedrich Kienle bezeichnet sich selbst als Fachjournalist, betreibt zugleich aber eine Politikberatung. Er war auch mal Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Verbundwirtschaft, der Interessenvertretung der großen Stromversorger in Berlin. Er ist also mehr Lobbyist als unabhängiger Journalist und sah offenbar nun eine gute Gelegenheit, die Erneuerbaren vor versammelter Presse vorzuführen. Für die Ökostrombranche sind solche Auftritte Störfälle – und die häufen sich. Am Montag hatte RWE-Chef Jürgen Großmann in einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“ die deutsche Förderung der Wind- und Solarbranche heftig kritisiert. Damit unterstütze man indirekt nur russisches Erdgas und Frankreichs Atomkonzerne.

Gut ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl ist unter den Vertretern der einzelnen Energiebranchen der Wahlkampf voll entbrannt. Vor einem Jahr noch sprachen Vertreter aller Sparten – von Solar bis Atom – oft von einem harmonischen Energiemix. Jetzt hört man immer öfter: Wir oder die!

Im Kern geht es um die Frage, ob der von der rot-grünen Bundesregierung beschlossene – und von der großen Koalition nicht angetastete – Atomausstieg auch nach der Wahl Bestand haben wird. Parteipolitisch sind die Fronten klar: Bilden Unionsparteien mit der FDP eine Koalition, dürften Kernkraftwerksbetreiber auf eine Laufzeitverlängerung hoffen. Mit SPD oder Grünen würde Atomkraft in Deutschland aussterben.

„Das Festhalten am Atomausstieg ist Voraussetzung dafür, dass die Erneuerbaren sich weiter entwickeln können“, sagte Björn Klusmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE). Alle Debatten um Laufzeitverlängerungen stellten den weiteren Ausbau der Erneuerbaren grundsätzlich in Frage. Die Modellrechnung des BEE, wonach 47 Prozent des Stroms 2020 ohne fossile Rohstoffe erzeugt werden, geht nur auf, wenn Kernkraft stirbt.

Die Atomwirtschaft wehrt sich mit allen Mitteln gegen derartige Visionen. Ebenfalls am Mittwoch präsentierte der Verein Deutsches Atomforum die Ergebnisse einer Umfrage, die er beim Institut TNS Emnid in Auftrag gegeben hatte. Demnach hätte sich im Februar eine Mehrheit der Befragten für eine Verlängerung der Atomkraftwerks-Restlaufzeiten in Deutschland ausgesprochen: 48 Prozent. 42 Prozent seien dagegen, zehn Prozent unentschieden.

Während Lobbyisten um Meinungsmacht ringen, geht das Geschäft weiter. Der Windenergieanlagenbauer Nordex aus Norderstedt bei Hamburg teilte am Mittwoch mit, dass er seinen Umsatz 2008 um 52 Prozent auf 1,136 Milliarden Euro steigern konnte. Das Wachstum sei vor allem im Ausland erreicht worden: In Großbritannien, Italien und China – übrigens allesamt Länder, die auch den Bau neuer Akw planen.

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