Energie : Jobs für die Wüste

Einer Studie zufolge bietet Sahara-Strom riesige Chancen für deutsche Unternehmen. Die sind allerdings skeptisch. Energieprojekte in der Wüste könnten Ziele für Terroristen sein.

Kevin P. Hoffmann
285305_0_3840257a.jpg
Krumme Spiegel. Im spanischen Guadix steht bereits ein Solarthermie-Kraftwerk. Foto: dpa

Die Umweltschützer von Greenpeace haben offenbar nicht damit gerechnet, dass die im Prinzip alte Idee von Solarkraftwerken in der Wüste binnen wenigen Wochen zu einem der meistdiskutierten Energiefragen in Deutschland werden könnte. Doch jetzt im Wahlkampf wittert die Organisation die Chance, die Vision ganz oben auf die politische Agenda zu setzen: „Angela Merkel muss das Wüstenstromprojekt zur Chefsache machen. Sie sollte auch darauf drängen, dass es jetzt beim G-8-Gipfel in Italien besprochen wird“, forderte Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling am Donnerstag in Berlin.

Die Staats- und Regierungschefs der acht führenden Industrienationen treffen sich ab Mittwoch kommender Woche im italienischen Erdbebenort L’Aquila. Wüstenstrom steht dort bisher nicht auf der Tagesordnung (siehe Infokasten). Da aber gehört es nach Ansicht von Greenpeace hin, weil es mit dem Bau großer solarthermischer Kraftwerke in Nordafrika gelingen könnte, ganz Europa mit Strom zu versorgen, ohne neue Kohlekraftwerke zu bauen, die klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen – so zumindest die Theorie. Um diese Idee mit Leben zu füllen, wurde die Desertec-Stiftung gegründet, hinter der auch deutsche Konzerne stehen. In gut einer Woche, am 13. Juli, hat der Versicherungskonzern Münchener Rück in München zum Gründungstreffen geladen.

Am gestrigen Donnerstag griff Greenpeace diesem Treffen vor und präsentierte gemeinsam mit dem Club of Rome als Auftraggeber eine Studie des ökologisch orientierten „Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie“. Thema der Untersuchung sind die ökonomischen Chancen für die deutsche Industrie, sollte sich der Bau solarthermischer Kraftwerke weltweit durchsetzen.

Das kaum überraschende Ergebnis der Studie lautet: Die Erzeugung von Strom in der Wüste bietet der deutschen Wirtschaft riesige Umsatzchancen: Projektentwickler, Zulieferer wie Schott, Baufirmen wie Züblin und Turbinenhersteller wie Siemens könnten bereits in den fünf Jahren von 2011 und bis Ende 2015 zwischen 8,4 und 34,4 Milliarden Euro Umsatz machen. Die Studie führt die Entwicklung weiter: In den Jahren 2046 bis 2050 könnten die Umsätze 58 bis 239 Milliarden Euro erreichen – im besten Falle sogar bis 463 Milliarden Euro. Grob überschlagen könnten deutsche Unternehmen in den kommenden 40 Jahren bis zu zwei Billionen (!) Euro erwirtschaften, sagte der Autor der Studie, Peter Viebahn. Bis zu 240 000 Menschen würden in diesen Projekten Arbeit finden, sagte er. Zum Vergleich: Europas größter Autobauer Volkswagen beschäftigt weltweit 370 000 Menschen.

„Die erneuerbaren Energien können die deutsche Leitindustrie des 21. Jahrhunderts werden“, sagte Greenpeace-Experte Böhling. Dabei habe die Solarthermie die Chance, nach Windenergie und Photovoltaik zum dritten größten grünen Exportschlager zu werden.

Vor allem Vertreter der deutschen Stromwirtschaft äußerten sich in den vergangenen Tagen skeptisch: Eon-Chef Wulf Bernotat sagte am Montag: „Desertec steht noch ganz am Anfang.“ Insbesondere die Finanzierung von 400 Milliarden Euro bis 2050, die zur Orientierung genannt worden war, „hat noch keiner genau ermittelt“. Zuvor hatte Vattenfall-Konzernchef Lars G. Josefsson gewarnt, dass Wüstenstromprojekte auch Ziele für Terroristen sein könnten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar