Energie : "Wir müssen von Lenin Abschied nehmen"

Ernst Ulrich von Weizsäcker über die Modernisierung der Wirtschaft durch Energieeffizienz – und seine kulturelle Nähe zu Japan, China und Indien

Interview von Dagmar Dehmer
326695_0_a4c95a54.jpg
Ernst Ulrich von Weizsäcker ist 2008 mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichnet worden. -Foto: Keystone

Herr von Weizsäcker, Sie sind der deutsche Effizienzpapst, und alle Politiker sagen, dass Energieeffizienz ganz wichtig sei. Warum passiert trotzdem so wenig?



Ich bin keinerlei Papst, nur Beobachter. Dass so wenig passiert, liegt daran, dass Energie billig ist. Daher lohnt sich Effizienz auf dem Markt nur sehr eingeschränkt. Es geht also darum, wie Energie sozial- und wirtschaftsverträglich verteuert werden kann. Die Politik vieler Jahrzehnte war leninistisch. Lenin meinte, dass man für die Wirtschaftsentwicklung billige Energie brauche, am besten kostenlose. Die Folge war, dass immer mehr Energie verbraucht und vergeudet worden ist. Wir müssen davon Abschied nehmen. Die Energiepreise sollten im Gleichschritt mit den erzielten Effizienzgewinnen ansteigen. Analog der Gleichschrittentwicklung zwischen Bruttolöhnen und Arbeitsproduktivität. Dann werden sich Investoren um Energieproduktivität genauso kümmern, wie sie sich bisher um Arbeitsproduktivität gekümmert haben.

Wenn die Energiepreise steigen, macht das auch die Ausbeutung von unkonventionellen Ölvorkommen wirtschaftlich, oder?

Der Staat sollte die sanfte Verteuerung organisieren und erzielte Einnahmen zur Senkung von Schulden oder Lohnnebenkosten einsetzen. Das macht ein Volk moderner und reicher, das unter Arbeitslosigkeit und teuren Energieimporten leidet.

Sie plädieren für eine Weiterentwicklung der Ökosteuer. Hat die reale Chancen?

Ja. Wir müssen gegen die Klimakrise ernsthaft etwas unternehmen. Energieeffizienz ist der kostengünstigste Weg dazu. Das weiß man auch in Japan, China und mittlerweile sogar in den USA. Die Ölabhängigkeit ist zum Albtraum geworden. Die deutschen Erfahrungen mit der ökologischen Steuerreform waren ausgezeichnet. Sie hat Hunderttausende von Arbeitsplätzen gesichert.

Glauben Sie im Ernst an eine Ökosteuer in den USA?

Bisher nicht. In den USA nimmt die Zahl derjenigen, die die Klimaerwärmung für erwiesen halten, ab statt zu. Amerika ist derzeit kein Vorbild. Der US-Senat verweigert sich jeder internationalen Verpflichtung. Jetzt müssen sich Europäer und Asiaten technologisch und energiepolitisch zusammentun und sagen: Effizienz und erneuerbare Energien sind die Zukunft. Irgendwann merkt man das dann an der Wall Street – und zehn Jahre später im amerikanischen Kongress. Bis dahin sind wir Europäer und Asiaten davongezogen. Einige US-Konzerne wie Walmart oder General Electric sind klimapolitisch schon heute auf unserer Seite.

Bisher hat die Wirtschaft in den USA die Stimmung nicht drehen können.

GE ist ja bisher auch die Ausnahme. Und Amerika ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ich habe 2006 bis 2008 in den USA gelebt und war doch einigermaßen schockiert davon, womit sich manche amerikanische Medien beschäftigen. Fox Media hat Anklänge zum „Völkischen Beobachter“ – Hass erzeugen und Dummheit verbreiten.

Beim Weltklimagipfel in Kopenhagen war die amerikanische Innenpolitik dann ja das Maß der Dinge und hat den kleinsten gemeinsamen Nenner vorgegeben. Welche Strategie empfehlen Sie, um die Verhandlungen wieder in Gang zu bringen?

Wie gesagt: Wir müssen mit den Asiaten eine technologische, politische und moralische Allianz bilden. Das würde die Amerikaner nervös machen und sie von ihrem hohen Ross herunterholen. Natürlich ist es leichter gesagt als getan, uns mit den Asiaten zusammenzutun. Aber mir als Kontinentaleuropäer sind Tokio, Peking, Neu Delhi emotional und kulturell näher als Kansas City oder Dallas.

Gerade China und Indien, aber eigentlich auch Japan haben die Unfähigkeit der USA, sich zu bewegen, in Kopenhagen genutzt, um sich dahinter zu verstecken. Sehen Sie da Bewegung?

Man wusste schon lange vor Kopenhagen, dass die Entwicklungsländer 2009 nicht bereit sein würden, ihrerseits verbindliche Klimaverpflichtungen einzugehen, und dass sich die USA erst bewegen, wenn die großen Entwicklungsländer im Boot sind. Die aber kommen erst ins gemeinsame Boot, wenn sich der Norden bereit findet, pro Kopf gleiche Emissionsrechte anzusteuern. Die Europäer waren naiv genug, zu glauben, ihr edles Vorangehen würde die Amerikaner mitreißen und den Süden zufriedenstellen. Das konnte nur schiefgehen. Über die gleichen Pro- Kopf- Emissionsrechte, für die sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der indische Premierminister Manmohan Singh ausgesprochen haben, hätte sich schon 2007, beim G-8-Gipfel von Heiligendamm, eine Koalition zwischen Europäern und Asiaten anbahnen können.

Mit dem Ergebnis, dass die USA sich verweigern.

Das wäre überhaupt nicht schlimm gewesen. Das war ja noch Bush-Zeit, und Obama hätte die Überwindung dieser Selbstisolation zum Wahlkampfthema gemacht.

Es ist aber gerade den Schwellenländern schwer zu erklären, warum sie sich bewegen sollen, wenn die USA, die das Problem entscheidend mit verursacht haben und weiter verursachen, nichts tun.


Moralisch haben Sie da recht. Aber ich bin überzeugt, dass das Nichtmitmachen beim Klimaschutz technologisch bestraft wird. In dem neuen Buch „Faktor Fünf“, das im Herbst auch auf chinesisch erscheint, zeigen wir, dass eine Verfünffachung der CO2-Effizienz technisch machbar ist, auch und gerade in China, und dass das Länder reicher statt ärmer macht. Wer selbstgefällig auf diese Modernisierung verzichtet, ist selber schuld. Rentabel wird die Effizienzstrategie in China und Indien aber erst, wenn wir das Regime gleicher Emissionsrechte haben. Ohne diese ist ja jedes neue Kohlekraftwerk in China oder Indien eine Lizenz zum Gelddrucken.

Derzeit verhandelt niemand über gleiche Pro-Kopf-Emissionsrechte.

Mit der Effizienzdynamik können wir Europäer (zusammen mit Japanern, Koreanern und einigen anderen) im Alleingang beginnen. Dazu wäre die genannte schrittweise Verteuerung der Energie im Gleichschritt mit den Effizienzgewinnen das effizienteste und unbürokratischste Instrument. Das würde die EU zum Magneten für die Effizienztechnologien machen und unsere Exporte langfristig sichern. Wenn Amerikaner und vielleicht Chinesen meinen, sie könnten sich leisten, das zu verschlafen, dann stört uns das nur klimapolitisch, nicht wohlstandspolitisch. Glühbirnen, die zehnmal so viel Strom zur Erzeugung von Licht verbrauchen wie die LED-Lampen, die schon auf dem Markt sind, sind Dinosaurier. Häuser, die, wie das in den USA, aber auch in Russland üblich ist, gigantische Mengen Energie fressen, sind von gestern, im Gegensatz zu den in Deutschland entwickelten Passivhäusern.

Die Deutschen haben zwar das Passivhaus erfunden, aber die wenigsten leben darin. Wie lässt sich die energetische Sanierung von Altbauten beschleunigen?

Es gibt schon zinsverbilligte Kredite der KfW, um bei Altbauten Passivhausstandard zu erreichen. Hamburg gibt 240 Euro pro Quadratmeter Altbausanierung Richtung Passivhaus. Freiburg hat für öffentlich geförderten Wohnungsbau und für Gebäude auf kommunalen Flächen den Passivhausstandard verbindlich gemacht. Aber das ist nicht genug. Flächendeckend wirksamer wäre der Pfad der langfristigen Verteuerung der Energie.

Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, warum viele Unternehmen ihre Effizienzpotenziale nicht nutzen, obwohl sich das für sie sehr schnell rechnet?

Viele Unternehmensberater haben den schnellen Euro immer in der Reduktion des Personals gesehen und fanden Energieeffizienz etwas für den langsamen Euro. Da ist ein Stück Doktrin der Harvard Business School dabei, die manchmal genauso daneben lag wie Lenin.

Bisher ist Ihr Konzept doch immer auch daran gescheitert, dass jeder Effizienzgewinn durch Mehrverbrauch wieder aufgezehrt wird. Der neue Kühlschrank ist viel effizienter, aber dafür auch doppelt so groß. Was tun?

Diese Erfahrung, der sogenannte Rebound-Effekt, tritt immer dann auf, wenn die Energie billig ist. Die Effizienzgewinne der siebziger Jahre sind bei billigen Energiepreisen in den achtziger Jahren wieder aufgefressen worden. Man horcht als Verbraucher halt auf das Marktsignal. Deshalb muss das Marktsignal geändert werden.

Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.


DER FORSCHER

Von 1991 bis 2000 leitete Weizsäcker das Wuppertal-Institut, das sich mit Klima- und Energiefragen beschäftigt und dem Land Nordrhein-Westfalen gehört. Effizienz ist sein Thema.

DER POLITIKER

Von 1998 bis 2005 saß Weizsäcker für die SPD im Bundestag. Er war Vorsitzender der Enquetekommission Globalisierung.

DER AUTOR

Am Donnerstag erscheint bei Droemer „Faktor Fünf“, das neue Buch des 70-Jährigen. Er hat es gemeinsam mit Karlson Hargroves und Michael Smith geschrieben und stellt es am 22. März in der Berliner Urania vor (19.30 Uhr).

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben