Wirtschaft : Energiebörse bekommt Europa-Touch

FRANKFURT (MAIN) (ro). Die von der Deutsche Börse AG (DBAG) in Abstimmung mit der Energiewirtschaft geplante Energiebörse soll von Beginn an europäische Dimensionen annehmen. Darauf hat sich die DBAG mit der schweizerischen Energiewirtschaft geeinigt. "Wir haben die Chance, in gewisser Weise auf der grünen Wiese eine Energiebörse für Europa aufzubauen", betont Otto Nägeli, stellvertretender Leiter der deutsch- schweizerischen Terminbörse Eurex. Die Europäische Energiebörse (EEX) soll auf der Basis der seit zehn Jahren erfolgreichen Eurex-Systeme noch im Jahr 2000 aufgebaut werden - unabhängig vom Standort Frankfurt. Den Plänen von Leipzig, für Deutschland eine eigene Energiebörse aufzubauen, erteilen die Eurex-Manager eine klare Absage: "Nur eine integrierte Energiebörse mit europäischem Anspruch ist wirtschaftlich lebensfähig..Die EEX orientiert sich dabei stark an der skandinavischen Energiebörse Nordpool, die seit Jahren erfolgreich für die Strommärkte in Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark aktiv ist. Anfang Juni hatte die deutsche Energiewirtschaft dem Konzept der DBAG für eine Energiebörse zugestimmt, mittlerweile unterstützen auch die Schweizer Energieversorger dieses Konzept. Mittelfristig erhoffen sich die Eurex-Manager auch eine Verbindung mit anderen europäischen Börsen in Frankreich, Italien, Holland oder Österreich. Die Eurex, die größte und nach Ansicht ihrer Betreiber auch die erfolgreichste Terminbörse der Welt, ist Basis für die neue Energiebörse. Durch die Erhöhung der Auslastung der Eurex-Systeme könne man, so Nägeli, den Stromhandel zu niedrigen Preisen anbieten und auf einen bereits vorhandenen Teilnehmerkreis aufbauen. Träger der EEX sollen Unternehmen der Energiewirtschaft - Verbundunternehmen, Stadtwerke und Industrie - Banken und möglicherweise neue Marktteilnehmer sein. Die Energiewirtschaft soll mit 51 Prozent die Mehrheit an der EEX halten, die Eurex mit 49 Prozent Minderheitsaktionär bleiben.Nach Ansicht von Eurex-Manager Hans Schweickardt ist eine Energiebörse dringend geboten um die durch die hohen Überkapazitäten entstandenen Ungleichgewichte auf dem europäischen Strommarkt zu beseitigen und die Liberalisierung des Stromhandels zu begleiten. Dabei werde die Energiebörse auch den schmerzhaften Anpassungsprozeß in der Strombranche fördern: Wegen sinkender Preise werden die Gewinnmargen kleiner und dies in einem Verdrängungswettbewerb. Der Strommarkt könne, im Gegensatz zum Telekommunikationsgeschäft, nicht ausgeweitet werden: "Der Kuchen wird neu verteilt", so Nägeli.Zunächst will die EEX und dies im Laufe des nächsten Jahres den Terminhandel mit Strom aufnehmen. Dabei wird eine bestimmte Menge Strom an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Termin ver- oder gekauft. Möglichst schnell soll aber auch der sogenannte Spotmarkt für den kurzfristigen Handel mit Strom entstehen. Dabei könnten die Stromhersteller überflüssigen Strom kurzfristig über die Börse verkaufen. Schon im Jahr 2001, da sind sich die EEX-Manager sicher, wird allerdings der physische Handel mit Strom vom Handel mit künstlichen, derivativen Produkten auf den Strommarkt übertroffen. Damit würde die Strombörse auch für Spekulanten interessant.Entscheidend für den Erfolg der EEX ist allerdings die problemlose Verfügbarkeit der Leitungsnetze, um den über die Börse verkauften Strom auch an den Käufer bringen zu können. Mit derzeit acht Netzbetreibern ist die Lage in Deutschland nach Ansicht der EEX- Manager nicht optimal.Der Zugang zu den Netzen muß frei von Diskriminierungen sein, Preisunterschiede von derzeit bis zu 30 Prozent für die Durchleitung des Stroms darf es nicht mehr geben. "Wir brauchen deshalb ein effektives Netz-Management", betont Nägeli. "An der Börse entstandene Geschäfte und Preise müssen realisierbar sein." Um so mehr als die EEX sich mittelfristig nicht nur auf Strom konzentrieren will. Auch den Handel mit Gas und Erdöl haben die EEX-Manager schon heute im Auge.

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