Energiekonzern : Was wird aus Vattenfall?

Ein Konzern in Turbulenzen: Am Samstag beschäftigt sich der Aufsichtsrat mit dem Rausschmiss des Europa-Chefs Rauscher und seinem Nachfolger. Gleichzeitig wächst in der Berliner Wirtschaft der Widerstand gegen ein neues Kohlekraftwerk.

Alfons Frese

Berlin - Für die 20 Aufsichtsräte der Vattenfall Europe AG beginnt das Wochenende wohl erst am späten Freitagabend. Zwar tagt bereits morgens um zehn das sechsköpfige Präsidium unter der Leitung des Aufsichtsratsvorsitzenden Lars Göran Josefsson. Doch die Personalvorstellungen des Chefs des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall (übersetzt: Wasserfall) für die deutsche Tochter sind umstritten. Und da Josefsson in der jüngsten Vergangenheit nicht gerade korrekt mit den Aufsichtsräten umging, wollen diese auf der um 13.30 Uhr beginnenden Sitzung reichlich Erklärungsbedarf geltend machen. „Die Spielregeln des Aktiengesetzes werden nicht ernst genommen“, sagt ein Aufsichtsrat. Josefsson habe „Schwierigkeiten, die deutsche Gesetzgebung zu akzeptieren“.

Konkret geht es um den Rausschmiss von Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher im Sommer und die Bestellung von Hans-Jürgen Cramer als Nachfolger – allerdings nur als Vorstandssprecher. Von der Aufsichtsratssitzung an diesem Freitag hatte sich Cramer erhofft, zum Vorstandsvorsitzenden befördert zu werden. Nicht zuletzt darauf war die Medienkampagne angelegt, mit der er sich seit Wochen in Anzeigen an tatsächliche und potenzielle Kunden richtet. Im Zusammenhang mit der Preiserhöhung zum 1. Juli hatte Vattenfall vor allem in den Kernmärkten Berlin und Hamburg rund 200 000 Kunden verloren. Die unglückliche Preispolitik hatte der damalige Vertriebschef Cramer zu verantworten. Wie es heißt, brauchte er die höheren Preise, um das von Stockholm vorgegebene Renditeziel seines Bereichs zu schaffen.

„Cramer wollte immer nach oben“, sagt ein Weggefährte, der sich indes nicht entscheiden kann, ob er den Aufsteiger „als Opfer oder Täter“ sehen soll. Am heutigen Freitag jedenfalls wird Cramer durch den Finnen Tuomo Hatakka ersetzt. Vor ein paar Monaten hielt sich Cramer auffällig zurück – wie auch die übrigen Vorstandsmitglieder –, als Josefsson die Pannen in den AKWs Krümmel und Brunsbüttel nutzte, um Rauscher abzuschießen.

Cramer, dessen Vertrag rund 800 000 Euro im Jahr wert ist und an sich bis 2011 läuft, scheidet Mitte 2008 aus. Bis dahin soll er Hatakka helfen, in die Geschäfte der Vattenfall Europe zu kommen. Die deutsche Gesellschaft ist viel größer und komplexer als die polnische Vattenfall, die bislang von Hatakka geführt wurde. „Rauscher wollte verhindern, dass Vattenfall Europe eine Filiale der Schweden wird“, sagt ein Aufsichtsrat. Hatakka werde wohl als verlängerter Arm Josefssons agieren.

Der Finne spricht zwar ordentlich Deutsch, ist mit einer Deutschen verheiratet und schickt seine Kinder auf Berliner Schulen. „Doch wir brauchen jemanden, der in der Politik und der Wirtschaft gut vernetzt ist“, und das sei bei Cramer so wenig der Fall wie bei Hatakka, heißt es in Unternehmenskreisen. Vor allem in diesen Zeiten, wo die Rufe nach einer Zerschlagung der vier führenden deutschen Energiekonzerne – Vattenfall liegt hinter Eon und RWE auf Rang drei – immer lauter würden. „Über Lobbying kann man in unserer Branche sehr gut Geld verdienen“, weiß ein Aufsichtsrat. Oder eben auch nicht. Alfons Frese

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