Wirtschaft : Energiemarkt: Countdown für den Verkauf der Veag

Antje Sirleschtov

Noch drei Tage, dann wird in der deutschen Stromwirtschaft ein neues Kapitel aufgeschlagen. Mit dem Verkauf der Geschäftsanteile der Energiekonzerne Eon und RWE am ostdeutschen Braunkohleverstromer Veag am 13. Dezember soll Deutschland einen neuen Wettbewerber in dem heiß umkämpften Strommarkt erhalten.

"Vierte Kraft" nannten die Wettbewerbshüter in Brüssel und Bonn das zu schaffende Stromunternehmen in Ostdeutschland, als sie die Fusionen von Viag/Veba zur Eon AG und RWE/VEW zur RWE AG nur unter der Voraussetzung genehmigten, dass sich die Unternehmen von den Beteiligungen im Osten trennen. Ihr Ziel war dabei nicht allein, die Marktmacht der Fusionspartner RWE und Eon - den Nummern eins und zwei im Markt - in Deutschland zu begrenzen. Sie wollten auch den Wettbewerb ankurbeln. Weil bis heute alle bedeutenden Stromunternehmen Deutschlands an der Veag beteiligt sind, drohte der Osten, zum wettbewerbsfreien Raum zu verkommen. Folgerichtig hat auch EnBW - Nummer drei im Markt - kaum Chancen auf eine signifikante Beteiligung.

Im Zentrum der Entscheidung für die "vierte Kraft" stand allerdings, der Veag und damit der ostdeutschen Braunkohleverstromung eine eigenständige Zukunft im Markt zu garantieren. Denn zehn Jahre nach der faktischen Privatisierung des DDR-Energiekombinates verfügen die neuen Bundesländer zwar über einen hochmodernen Kraftwerkspark. Das Unternehmen Veag gilt wegen seiner unübersichtlichen Eigentumsstruktur und der gewaltigen finanziellen Belastungen aus den Investitionen jedoch als "Sanierungsfall".

Zum Rückblick: Noch vor der deutschen Einheit verhandelten die westdeutschen Stromkonzerne im Sommer 1990 mit der letzten DDR-Regierung die Übernahme der gesamten DDR-Stromwirtschaft. Sie versprachen den deutschen Politikern, die Restrukturierung der Branche und weitestgehende Sicherung der Arbeitsplätze, und sie versprachen sich selbst von dem Deal sichere Renditen durch wachsenden Strombedarf in den neuen Ländern. Die Rechnung ging allerdings nicht auf. Zwar investierten die Eigentümer der Veag binnen zehn Jahren rund 17 Milliarden Mark in Kraftwerke und Netze. Doch der Stromverbrauch entwickelte sich alles andere als positiv. Nur die Abschottung Ostdeutschlands durch die damals noch vorhandenen Gebietsmonopole und die politische Flankierung höherer Strompreise als in Westdeutschland ließen das Engagement der Westkonzerne verkraftbar erscheinen.

Seit der Liberalisierung der europäischen Strommärkte ist die Veag, und damit auch ihr Braunkohle-Vorlieferant Laubag, in den herkömmlichen Strukturen quasi dem Untergang geweiht. Die Kosten der Stromerzeugung kann die Veag, die noch den größten Teil ihrer Investitionen abschreiben muss, in Zeiten sinkender Marktpreise kaum erwirtschaften. Und die divergierenden Interessen der Eigentümer neutralisieren die Entwicklung des Unternehmens nachhaltig. Zudem ist die Marktzutrittsblockade, die deutsche Politiker der Veag im Energiewirtschaftsgesetz zugestanden haben, durch Gerichtsurteile im Sommer faktisch beseitigt. Im Ergebnis hat die Veag 1999 einen Verlust von knapp zwei Milliarden Mark ausgewiesen. Veag Vorstandschef Jürgen Stotz warnte denn auch bereits im Mai, "spätestens Ende des Jahres" müssten neue Eigentümer eine klare Richtung vorgeben, sonst drohten weitere wirtschaftliche Probleme.

Wenn die Veag-Bilanz so mager ausfällt, warum ist dann das Interesse der Hamburger Electrictätswerke HEW, der Berliner Bewag und zahlreicher europäischer Stromkonzerne, wie der italienischen Enel und der Spanier Endesa und Iberdrola, an dem Unternehmen so groß? Warum kann das Bundeswirtschaftsministerium dem potenziellen Erwerber Abnahmemengen von 50 Terawattstunden in den Kaufvertrag diktieren, und die Gebote für das Veag-Laubag-Paket liegen dennoch bei 2,5 Milliarden Mark? Wenn die Investitionen der Veag in fünf bis sieben Jahren abgeschrieben sind, wird das Unternehmen nicht nur über den modernsten Kraftwerkspark Europas verfügen. Die Braunkohle sichert der Veag auch dauerhaft einen preisgünstigen Rohstoff. Wer auch immer am kommenden Mittwoch den Zuschlag für die ostdeutsche Braunkohle-Verstromung erhält: Die Anfangsinvestitionen werden sich gelohnt haben.

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