Wirtschaft : Energiemarkt: Strom läßt sich handeln wie Schweinehälften

Daniel Rhee-Piening

Der Ort des Geschehens liegt in Dunwoody einem nördlichen Stadtteil von Atlanta, der Hauptstadt des US-amerikanischen Bundesstaates Georgia. Ein langgestreckter, für amerikanische Verhältnisse flacher Bau, der sich an das Headquater von Mirant anschließt. Durch diverse Sicherheitsschleusen gelangt man in einen riesigen Saal, in dem mehr als 400 so genannte Trader ihrem Geschäft nachgehen - dem Energiehandel. An sieben Tagen in der Woche, 24 Stunden lang, wird vor allem Strom, aber auch Gas vom Süden der Vereinigten Staaten in den Norden und vom Osten in den Westen verkauft. Der Trading Floor ist dementsprechend in die Bereiche East, West, Northeast und so weiter aufgeteilt. Mirant ist seit seiner Ausgründung von der Southern Energie in diesem Geschäft aktiv, und gehört neben Enron, AEP und Dynergy zu den ganz Großen.

Das Prinzip ist einfach: Fehlt es in einer Region der USA an Strom, wird er dorthin geliefert, läßt sich der Strom billiger kaufen, als im eigenen Kraftwerk produzieren, wird er eben eingekauft. Strom wird auf dem weitgehend liberalisierten US-Markt gehandelt, wie Öl, oder Kohle, ja wie Schweinehälften. Auf großen Tafeln, ähnlich den Kurstafeln an der Börse, sind die Preise fortlaufend notiert.

Rund 70 000 Dollar beträgt das anfängliche Jahresgehalt eines Traders, als erfahrener Händler bringt er es auf bis zu 140 000 Dollar pro Jahr. Die meisten sind zwischen 30 und 31 Jahre alt, das Durchschnittsalter der Mirant-Trader beträgt gerade einmal 34 Jahre. Per Mausklick bewegt er mal so eben Stromkontingente im Wert von drei Millionen Dollar oder mehr. Doch bei Mirant wird sogleich versichert, "wir haben eines der besten Risk Systems (Risikokontrolle), die man sich denken kann". Täglich wird kontrolliert ob die Händler in ihren vorgegebenen Rahmen geblieben sind.

Eine Losgröße beträgt 15 Megawatt

Eine Losgröße beim Strom beträgt beispielsweise 15 Megawatt, lieferbar an sieben Tagen, jeweils 16 Stunden lang. Abnehmer sind in aller Regel Weiterverkäufer, etwa örtliche Stromversorger vergleichbar den deutschen Stadtwerken. Selbst das Werk von Daimler-Chrysler in Detroit wäre für eine solche Absatzmenge zu klein, "doch bei einem solchen Kunden würden wir eine Ausnahme machen", sagt man bei Mirant.

Gehandelt wird per sofort und auf Termin. An einer großen elektronischen Wandtafel, vergleichbar den Kurstafeln in den Börsensälen, erscheinen die Preise. Strom lieferbar in das energiearme und in jüngster Zeit durch Stromabschaltungen bekannt gewordene Kalifornien kostete früher im April rund 35 Dollar per Megawatt, heute beträgt der Preis bereits 365 Dollar im April.

In den Sommermonaten Juli und August, wenn der Verbrauch wegen der vielen Klimaanlagen am höchsten ist, steigt sein Termin-Preis auf bis zu 450 Dollar. In anderen Landesteilen ist die Energie sehr viel billiger zu haben. Im Mittleren Westen beispielsweise kostete ein Megawatt Anfang April nur etwa 43 Dollar.

Die Beleuchtung, sagen die Fachleute bei Mirant, spielt keine so große Rolle, es sind die Klimaanlagen und damit das Wetter, welches den Verbrauch bestimmt. Chris McDonold, Chef der Gashändler von Mirant, kann denn auch auf einem seiner drei Bildschirme Wetterkarten aufrufen. Die Temperaturen am Nordpol erscheinen in tiefem Blau, um Chicago liegt ein helleres Band, und auf der Höhe von San Francisco signalisiert ein rötlicher Streifen frühlingshafte Temperaturen.

Wettervoraussagen und Interpretationen zu erwarteten Temperaturschwankungen oder auch Wirbelstürmen liefert eine eigene Abteilung unter der Leitung eines ehemaligen Offiziers der Navy. Und McDonold macht noch einmal die Bedeutung der Voraussagen klar: Steigt die Temperatur in Kalifornien um zwei Grad, steigt der Stromverbrauch, die dortigen Kraftwerke werden auf volle Leistung gefahren, und sie brauchen Gas. Geliefert wird das Gas beispielsweise aus den Feldern in Kanada oder Texas.

An der Preisdifferenz wird gespart

Mirant verdient am so genannten Spread, der Preisdifferenz zwischen dem Ausgangspunkt der Gaspipeline und dem Endpunkt. Da spielt es auch eine entscheidende Rolle, in welchem Zustand die Pipeline ist. Tut sich auf den Tausenden Meilen beispielsweise ein Leck auf, muss die Leitung vorübergehend gesperrt werden, wie dies kürzlich bei einem Strang aus Texas der Fall war. Der Preis am Endpunkt schnellt sofort in die Höhe. Gehandelt wird deshalb nicht nur mit dem Gas, sondern auch mit so genannten Transportkontrakten.

Wer am schnellsten Bescheid weiß, wer am schnellsten reagieren kann, hat im wahrsten Sinne des Wortes die Nase vorn und verdient. "Der Job ist ein Informationsjob. Schnelle und genaue Information ist alles", sagt McDonold. Auf seinen Schirmen sind deshalb auch alle Öl- und Gas-relevanten Informationen der großen Nachrichtenagenturen abrufbar. Die Entwicklung des Opec-Preises und die Entwicklung der US-Ölpreise findet er dort ebenso wie die wichtigsten Daten von der Wall Street und nicht zuletzt den Kurs der "Mir"-Aktie, der Aktie von Mirant. Dort läßt sich dann indirekt ablesen, ob die Trader gut verdient haben.

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