Energiepolitik : Zur Wende

Nach Barack Obamas Appell für eine neue Energiepolitik sind die Aktien von Solarfirmen nach oben geschossen. Was bedeuten seine Pläne für die deutsche Wirtschaft.

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Völlig euphorisiert kehrte Thomas Krupke vor eineinhalb Jahren von einem USA-Trip zurück nach Berlin. Der damalige Chef des Solarmodulherstellers Solon aus Adlershof hatte die Inaugurationszeremonie Barack Obamas besucht, von dessen Worten war er ganz berauscht: Der neue US-Präsident kündigte eine Wende an, hin zu den erneuerbaren Energien. Obama sei ein Segen, nicht nur für die deutsche Solarwirtschaft – so dachten viele damals. Doch das stimmt nur bedingt.

Obama will, auch das wurde mit seiner Rede deutlich, die Ölkatastrophe nutzen, um politische Mehrheiten für eine grüne Energiewende zu organisieren. Dabei argumentiert er patriotisch. Erstens, weil er ein Patriot ist. Und zweitens, weil die Amerikaner kaum massenhaft Windräder und Solarmodule made in Germany oder China kaufen würden. Wörtlich sagte der Präsident: „Länder wie China investieren in Jobs der sauberen Energien und entsprechende Industriezweige, die eigentlich hier in Amerika sein sollten.“ Amerika geht vor.

Obama hat seit der Amtsübernahme gewaltige Infrastrukturprogramme aufgelegt und fördert damit auch die energetische Sanierung von Gebäuden und das Aufstellen von Solarparks und Windrädern. Bei der Windkraft hatten jahrelang japanische und deutsche Firmen die technologische Führerschaft. Auf dem Solarmarkt galten deutsche Unternehmen gar als konkurrenzlos – bis vor vier Jahren etwa. Heute mischen an der New Yorker Technologiebörse notierte chinesische Solarkonzerne wie Yingli oder Suntech kräftig mit und dominieren bereits den US-Markt.

Der Bonner Solarhersteller Solarworld und auch das Berliner Unternehmen Solon spielen dagegen in den USA kaum eine Rolle, obwohl sie sogar eigene Werke dort betreiben. Solon fertigt zum Beispiel in Tucson/Arizona.

Schuld an dieser Entwicklung sind ironischerweise deutsche Politiker aller Parteien, die ein Absenken der heimischen Solarstromförderung verhindern wollen. Sie argumentieren dabei, dass die Bundesregierung mit einer Kürzung der Vergütungssätze eine junge Exportbranche zerschlagen würde.

Eigentlich ist jedoch das Gegenteil der Fall. Die anhaltend hohe Förderung von Solarstrom in Deutschland führt weiter dazu, dass heimische Hersteller von Solarzellen und Modulen immer mehr für den Inlandsmarkt produzieren. Bei Solarworld zum Beispiel sank der Anteil des Auslandsgeschäfts von knapp 50 Prozent innerhalb eines Jahres auf nur noch 33 Prozent im ersten Quartal 2010. Bei Konkurrenten ist es ähnlich. Sie verschwenden kaum noch Energie darauf, Vertriebsstrukturen in Sonnenländern aufzubauen und ihre Produkte dort teuer zu verkaufen. Warum auch? Hier in Deutschland erhält jeder ihrer Kunden doch viel Geld – über eine Umlage von allen Stromkunden.

Die Situation ist so absurd, dass deutsche Hersteller die heimische Nachfrage selbst nicht decken können. Mehr als die Hälfte aller Solarmodule, die in diesem Jahr in Deutschland verkauft werden, stammen wahrscheinlich aus Asien, schätzen Experten. Vor diesem Hintergrund sind Hoffnungen, Obamas Politik würde eine ehemalige deutsche Wachstumsbranche wieder ganz nach vorne holen, übertrieben. Aktienhändler in Frankfurt am Main begründeten den gestrigen Anstieg einiger Solaraktien um rund zwei Prozent zwar mit der Rede des US-Präsidenten – gemessen an den hohen Kursständen vor zwei Jahren war dieser Obama-Kurssprung aber kaum mehr als ein Fußwippen.

Für den heutigen Solon-Chef Stefan Säuberlich ist das nur eine Momentaufnahme: „Für uns ist entscheidend, dass in den USA ein grundsätzliches Umdenken beginnt.“ Und das zeichne sich schon seit Wochen ab. „Wir haben uns jetzt entschieden, dass wir eine dritte Schicht in unserem Werk in Tucson einführen. Künftig wird dort rund um die Uhr gefertigt“, kündigt er am Mittwoch an.

Kaum ein deutscher Manager würde sagen, dass er sich über die Ölkatastrophe freut. Gleichwohl arbeiten Unternehmen daran, die Möglichkeiten, die sich aus der Wende ergeben, nicht zu verspielen.

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