Energiesparen : Drei Millionen für Sarrazin

Pro Jahr werden noch 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Berliner Luft geblasen. Doch es wird weniger. Berliner Institutionen reduzieren den Energieverbrauch - und entlasten so den Haushalt.

Kathrin Drehkopf

Das ist die Berliner Luft: Täglich blasen rund 1,1 Millionen Autos, zwölf Kraftwerke und Heizkörper in knapp 1,8 Millionen Wohnungen 55 000 Tonnen CO2 in den Himmel. Das macht pro Jahr 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Doch es wird weniger. Denn immer mehr Institutionen erneuern inzwischen ihre technische Ausstattung und reduzieren damit den Energieverbrauch – mittlerweile in mehr als 1300 Gebäuden und Einrichtungen. Das spart Strom und entlastet den Haushalt. „Knapp drei Millionen Euro spart die Stadt pro Jahr durch unser Programm“, sagt Michael Geißler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur (BEA).

Bereits 1996 hat die BEA sogenannte Energiesparpartnerschaften zwischen öffentlichen Institutionen, die rund zehn Prozent des Berliner CO2-Ausstoßes verursachen, und der privaten Wirtschaft entwickelt. Dabei statten Unternehmen wie Siemens, Hochtief oder die US-Technologiefirma Johnson Controls Krankenhäuser oder Verwaltungen mit energiesparender Technik aus. Der Stromverbrauch kann so um bis zu 30 Prozent reduziert werden. Das dadurch eingesparte Geld teilen sich die beiden Partner.

„In der Anfangszeit ging das Programm nur schleppend voran“, erinnert sich Geißler. Klimaschutz war in den neunziger Jahren kein großes Thema. Doch die Zahl der Interessenten wuchs kontinuierlich, vor allem auf Landesebene. In den Bezirken dagegen gebe es noch Nachholbedarf, sagt Geißler. Bis zu 2000 öffentliche Gebäude könnten dort nach seiner Schätzung noch von Einsparmodellen profitieren. Und dafür müssen die Bezirke gar nichts zahlen: „Mit der Partnerschaft fallen für sie keine Investitionskosten an.“

Die Privatwirtschaft erschließt sich mit dem Energiesparmodell ein neues Geschäftsfeld. „Der Klimaschutz ist für uns ein Zukunftsmarkt“, sagt Michael Runkewitz, Vertriebsleiter für Energiesparpartnerschaften bei Siemens. So habe Siemens angefangen, neue Technik in Altbestände zu integrieren, weil es immer weniger Neubauten in Berlin gibt. Das Unternehmen stattete etwa die Berliner Bäderbetriebe oder die Justizvollzugsanstalt Tegel mit umweltschonender Gebäudetechnik aus (siehe Texte unten). Ein Problem sei aber, dass es immer noch zu wenig öffentliche Ausschreibungen für private Unternehmen gebe.

Nachholbedarf herrsche auch noch beim Thema Wärmedämmung. „Die Gebäudehüllen in Berlin sind unzureichend isoliert, diese zu sanieren muss mehr gefördert werden“, sagt Runkewitz.

Das soll bald passieren. Der Senat hat kürzlich seine Klimastrategie vorgestellt. Nun will Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Runge-Reyer (SPD) bis Ende des Jahres klären, was die klimafreundliche Sanierung der öffentlichen Gebäude kosten soll und welche Liegenschaften dringend renoviert werden müssen. Bisher stehen dem Land 26 Millionen Euro aus dem Investitionspakt mit dem Bund zur Verfügung, um 33 öffentliche Gebäude zu sanieren. Ob noch mehr möglich ist, hängt nicht zuletzt von Finanzsenator Thilo Sarrazin ab. Aber: „Eine stärkere Ausrichtung auf energetische Belange ist realistischerweise erst mit der Fortschreibung der Investitionsplanung 2009 bis 2013 umsetzbar“, teilte Sarrazins Staatssekretär Klaus Teichert unlängst mit. Der Streit um die Finanzen geht also auf Wiedervorlage für den Zeitpunkt, wenn Junge-Reyer ihren Sanierungsplan für die Gebäude vorlegen wird.

Ihre bisherigen Klimaziele hat die Hauptstadt verfehlt: 2005 (neuere Daten liegen nicht vor) blies Berlin 20 Prozent weniger Kohlendioxid in die Luft als noch 1990. Damals hatte sich Berlin durch den Eintritt ins Klima-Bündnis – Europas größtes Städtenetzwerk mit dem Fokus auf Klimaschutz – verpflichtet, alle fünf Jahre zehn Prozent weniger CO2-Emissionen zu produzieren. Dass heute trotzdem wesentlich weniger CO2 aus der Hauptstadt in die Atmosphäre aufsteigt, wurde durch eine Vielzahl von Maßnahmen erreicht: Zum Beispiel ging die Zahl der Kohleöfen nach der Wende von 600 000 auf 40 000 zurück, mindestens die Hälfte von insgesamt 270 000 Plattenbauwohnungen ist mittlerweile energetisch saniert, das Fernwärmenetz wurde zum größten in Westeuropa ausgebaut. Die Stadt führte einen energiesparenden Standard namens B.E.S.T. für alle Energiedienstleister ein.

Dass Metropolen wie Berlin die Protagonisten beim Klimaschutz sein müssen, betont Fritz Reusswig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Schließlich seien sie für 60 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Um die weltweiten Klimaschutzziele zu erreichen, müssten Städteregierungen deshalb auch ihre Bürger besser beraten, wie die sich klimafreundlich verhalten könnten. Und sich nicht scheuen, auch unpopuläre Maßnahmen wie die Umweltzone durchzusetzen. Doch weitergehende Maßnahmen, etwa die Einführung einer City-Maut, ziehen die Berliner Politiker derzeit nicht in Betracht.

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