Wirtschaft : Energieversorger: Machtkampf um den neuen Stromkonzern

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Die Stromkonzerne Vattenfall (Schweden) und Mirant (USA) sind beim Aufbau des gemeinsamen nordostdeutschen Stromkonzerns zerstrittener als bisher angenommen. Während Mirant einen Bericht des Tagesspiegel vom Mittwoch bestätigte, dass der ursprüngliche Zeitplan zur Konzernbildung nicht eingehalten wird, dementierte ein Vattenfall-Sprecher dies am Donnerstag.

Grafik: Die neue Kraft im Strommarkt Nach beinahe einjährigem Gerichtsstreit über die Anteilsverhältnisse beim Berliner Stromversorger Bewag hatten sich Vattenfall und Mirant in diesem Sommer auf einen Fahrplan zur Bildung des neuen Stromkonzerns mit Sitz in Berlin geeinigt. Bis Ende 2002, spätestens Frühjahr 2003, sollten die Stromversorger Bewag (Berlin), HEW (Hamburg), Veag (Berlin) und das ostdeutsche Braunkohleunternehmen Laubag zusammengeführt - und damit drittgrößter deutscher Energieversorger werden. Vereinbart wurde, den so genannten Masterplan bis Ende September zu verabschieden. In diesem Dokument sollten die Grundzüge des Konzerns, die Strukturen und Standortfragen festgehalten werden. Ein detaillierter Strukturplan sollte dann bis Ende Dezember vorliegen.

Nach wochenlangen Verhandlungen steht nun für den US-amerikanischen Konzern Mirant fest, dass es noch zu viele grundsätzliche Differenzen über die Struktur des Konzerns gibt, als dass der Septembertermin gehalten werden kann. Mirant-Projektleiter Stefan Sprick-Schütte bestätigte einen Bericht dieser Zeitung, wonach es noch Gesprächsbedarf mit dem schwedischen Partner über offene Fragen gebe, die "komplexe Themen" beträfen.

Bewag fürchtet um ihren Einfluss

Sprick-Schütte schloss aus, dass die Zeitverzögerungen ein erster Hinweis auf ein mögliches Scheitern der Fusionsgespräche sein könnten. "Drei Viertel aller Fusionen sind bisher daran gescheitert, dass Details zu spät geklärt wurden", sagte er. Dies wolle man bei den Gesprächen mit dem schwedischen Partner vermeiden. Dennoch betonte der Mirant-Manager, dass es grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen der Partner gebe. So könne man sich nicht auf einen Konsortialvertrag zur Führung der ostdeutschen Unternehmen Veag und Laubag einigen. Sein Interesse sei ein "maßgeblicher Einfluss" der Bewag, der über eine reine Finanzbeteiligung hinaus geht.

Dieser Konsortialvertrag ist nicht nur Voraussetzung für die Bildung des gesamten Konzerns. Unter Insidern gilt er als Nagelprobe für die erfolgreiche Zukunft des Unternehmens. Denn: Wenn sich Bewag, mit Mirant im Hintergrund, und HEW, mit Vattenfall im Hintergrund, nicht einmal auf ein gemeinsames Führungskonzept für Veag und Laubag einigen können, dann gilt eine erfolgreiche Konzernbildung als fraglich.

Weil dieser Konsortialvertrag vor zwei Wochen nicht vorlag, hatte auch der Bewag-Aufsichtsrat seine Zustimmung zur Auflösung der EBH-Gesellschaft verweigert. Die EBH ist noch immer mit 25 Prozent an der Veag beteiligt. Für die Bewag, die mit 6,25 Prozent an der EBH beteiligt ist, gilt diese Gesellschaft als Fauspfand in den Verhandlungen mit der HEW um die Machtverhältnisse im gemeinsamen neuen Konzern, da die EBH über eine Sperrminorität verfügt.

Tariflohn in Hamburg gesichert

Auch die Standortfragen und die Zahl der Mitarbeiter im neuen Konzern sind nach Informationen aus den Unternehmen vollkommen offen. Weil dem Berliner Senat im April Mirant und Vattenfall zugesichert hatten, dass der Konzernsitz in Berlin sein wird, erwarten nun die Hamburger HEW-Mitarbeiter, dass wichtige Abteilungen, etwa die Stromhandelsabteilung, in Hamburg angesiedelt wird. Weil mit solchen Entscheidungen unmittelbar die Mitarbeiterzahlen in Hamburg, Berlin und der Lausitz verbunden sind, rangeln Vorstände und Arbeitnehmervertreter um Machtpositionen. HEW etwa hat seinen Mitarbeitern zugesichert, dass das Tarifniveau im Unternehmen (rund zehn Prozent höher als Bewag und rund 20 Prozent höher als Veag/Laubag) langfristig gesichert wird.

Die Bewag-Mitarbeiter erwarten nun mindestens diese Zusicherung auch - im besten Fall wollen sie Zusagen zur Anhebung ihres Lohnes auf Hamburger Verhältnisse. Bisher gibt es für die Standorte in Berlin und Ostdeutschland keine solche Regelungen. Und auch die Veag/Laubag-Mitarbeiter wollen verhindern, dass die Personaleinsparungen im Konzern letztlich vor allem auf dem Rücken der Ostdeutschen ausgetragen wird. In den vergangenen Jahren haben die Veag-Mitarbeiter umfangreiche Teilzeitvereinbarungen abgeschlossen und Lohnverzicht geübt, um mehr Menschen einen Arbeitsplatz zu sichern. Sie wollen nun Garantien für ihre Beschäftigungssicherungsmodelle und eine Perspektive zur Anhebung ihrer Löhne. Um dies zu erzwingen, werden die Arbeitnehmervertreter nach Informationen aus Veag und Laubag, im Zweifelsfall der Fusion der Ostunternehmen nicht zustimmen.

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