Energieversorger : Vattenfall schreibt Atomkraft ab

Der Atomausstieg erreicht die Bilanzen der Atomkonzerne. Vattenfall verzeichnet Belastungen in Milliardenhöhe. RWE klagt nun gemeinsam mit Eon gegen die Atomsteuer.

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Der Rückbau kann beginnen und wird Milliarden kosten.
Der Rückbau kann beginnen und wird Milliarden kosten.Foto: dpa

Berlin - Die in Berlin ansässige Vattenfall Europe AG teilte am Mittwoch mit, die Energiewende werde das zweite Quartal mit 1,1 Milliarden Euro belasten. Der Betrag ergibt sich aus Abschreibungen auf die Vattenfall- Akws in Brunsbüttel und Krümmel sowie auf „Rückstellungen für den Rückbau und die Entsorgung der Brennelemente“, wie es in einer Mitteilung hieß. Die Vattenfall Europe AG, die unter anderem aus der Berliner Bewag und der Hamburger HEW entstand, ist eine Tochter des schwedischen Staatsunternehmens Vattenfall AB.

Der Energiekonzern betreibt hierzulande die Kernkraftwerke in Brunsbüttel und Krümmel (beide Schleswig-Holstein). An Brunsbüttel hält der Konzern zwei Drittel der Anteile, ein Drittel ist im Besitz von Eon; Krümmel ist ein 50:50-Joint-Venture der beiden Energieversorger. Seit rund vier Jahren sind die Kraftwerke so gut wie nicht mehr am Netz gewesen, weil Kurzschlüsse zu Bränden führten und Vattenfall die Meiler aufwendig nachrüsten musste: Nach eigenen Angaben hat der Konzern rund 700 Millionen Euro dafür ausgegeben. Umso bitterer, dass beide Anlagen nicht mehr ans Netz gehen dürfen.

Bis zur Katastrophe in Fukushima und der anschließenden Energiewende in der Bundesregierung waren die Vattenfall- Manager noch davon ausgegangen, die vorhandenen Reststrommengen auch nutzen zu können, und zwar 88 Terrawatt in Krümmel und 11 Terrawatt in Brunsbüttel. Der Marktwert dieser Menge wird auf rund 1,5 Milliarden Euro veranschlagt. Inzwischen hat in der Deutschlandzentrale in der Berliner Chausseestraße kaum noch jemand Hoffnung auf eine Vermarktung dieser Volumen: Krümmel und Brunsbüttel gehen nie wieder ans Netz, und die drei anderen Akw-Betreiber hierzulande – neben Eon noch RWE und EnBW – haben nach der Abschaltung von sieben Akws selber genügend Reststrommengen und deshalb kein Interesse, das Vattenfall-Volumen zu übernehmen.

Schließlich, so ist in der Branche zu hören, habe Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) persönlich die betroffenen Ministerien angewiesen, den Atomkonzernen im gegenwärtigen Gesetzgebungsverfahren nicht entgegenzukommen.

RWE klagt nun gemeinsam mit Eon gegen die Atomsteuer. „Wir haben die Klage fristgerecht eingereicht für Gundremmingen Block B“, sagte ein Sprecher. Die Klage sei beim Finanzgericht München von der Betreibergesellschaft des Kernkraftwerks Gundremmingen eingereicht worden, an der RWE zu 75 Prozent und Eon zu 25 Prozent beteiligt sind.

Vattenfallchef Østein Løseth sieht ebenso wie seine Kollegen an der Spitze der anderen Energieversorger einen Eingriff in die Eigentumsrechte durch die Politik, wenn die ursprünglich vereinbarten und zugesagten Reststrommengen nicht genutzt werden können. Wann über eine mögliche Klage entschieden wird, konnte ein Vattenfall-Sprecher am Mittwoch nicht sagen. Es müsse in jedem Fall die endgültige Gesetzesform des Atomausstiegs abgewartet werden. Die Regierung will noch vor der Sommerpause, also Anfang Juli, das umfassende Gesetzespaket zur Energiewende verabschieden.

Ende Juli legt Vattenfall das Konzernergebnis für das zweite Quartal und damit das erste Halbjahr vor. Bei der Gelegenheit wird Løseth womöglich auch erläutern, ob weitere Abschreibungen und Rückstellungen für den vorzeitigen Atomausstieg erforderlich sind.

Bei den Rückstellungen musste der Konzern wegen Merkels Wende nachlegen. Nachdem die Regierung im Herbst 2010 die Laufzeiten der Akws verlängert hatte, reduzierte Vattenfall die Rückstellungen für den dereinst erforderlichen Rückbau von Krümmel und Brunsbüttel. Nun geht alles viel schneller, und entsprechend muss mehr Geld zurückgelegt werden. Bis Ende 2010 waren es zwei Milliarden Euro, nun kommen allein im zweiten Quartal 550 Millionen Euro hinzu. Für den sogenannten Rückbau inklusive Entsorgung der Brennelemente eines Akws werden rund 15 Jahre veranschlagt.

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