Energiewende : „Deutschland muss seine Visionen exportieren“

Der US-Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin spricht über die Ursachen der Krise und die nächste industrielle Revolution

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Die Amerikaner halten sich für den Nabel der Welt, meint Rifkin, und hält das für eine „Tragödie“.
Die Amerikaner halten sich für den Nabel der Welt, meint Rifkin, und hält das für eine „Tragödie“.Foto: Mike Wolff

Herr Rifkin, Sie werben für eine dritte industrielle Revolution. Reichen die Ressourcen der Erde dafür?

Sie sind groß genug, um mit einer dritten industriellen Revolution zurechtzukommen. Sie sind zu klein, um die zweite industrielle Revolution fortzusetzen. Die Menschheit lebt über ihre Verhältnisse. Die zweite industrielle Revolution, die auf dem Verbrauch fossiler Brennstoffe basiert, ist nicht nachhaltig. Dieses Wirtschaftsmodell steht vor dem Aus, wir brauchen ein neues. Vor allem aufgrund von zwei Ereignissen. Das erste war 2008 der Anstieg des Ölpreises auf über 147 Dollar. Das hat sich auf die gesamte Produktionskette bis hin zu den Lebensmittelpreisen ausgewirkt. In 22 Ländern gab es daraufhin Unruhen. Der Finanzmarktcrash 60 Tage später war das Nachbeben. Beide Krisen sind verknüpft.

Und das zweite Ereignis?

Das war der Klima-Gipfel in Kopenhagen. Im Dezember 2009 brachen die Verhandlungen zusammen. In der schwersten Krise des Planeten konnte sich unser Führungspersonal nicht auf einen Vertrag einigen. Wir sind auf dem Weg zu einer globalen Erwärmung von mindestens drei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau. Schon die zwei Grad, die als Ziel ausgegeben worden sind, hätten katastrophale Folgen. Um diese Krisen zu bewältigen, brauchen wir schnell einen neuen Plan, eine neue wirtschaftliche Vision.

Und wie sollte die aussehen?

Wir brauchen einen Plan, wie wir die Energie der Erde teilen. Alle grundlegenden ökonomischen Veränderungen sind aus dem Zusammentreffen technologischer Sprünge bei Energieerzeugung und Kommunikation entstanden. Etwa bei der Dampfmaschine und dem Zeitungsdruck oder nach dem Aufkommen einer zentralisierten Stromversorgung und Telefon, Rundfunk, Fernsehen. So wird es jetzt sein, wenn die erneuerbaren Energien mit dem Internet verknüpft werden. Die Energierevolution braucht eine Kommunikationsrevolution, um sie zu organisieren. Erneuerbare Energien können dezentral produziert werden. Verbunden mit dem Internet wird daraus eine demokratische Energieform. Die alten Machtverhältnisse werden aufgehoben.

Viele Länder fahren ganz gut mit dem jetzigen Modell.

2008 haben wir den Höhepunkt der Globalisierung erlebt. Jetzt wissen wir, wo die Grenzen dieses Modells liegen. Kehrt die Weltwirtschaft zum Wachstumsmodell und -tempo von vor 2008 zurück, kommt der nächste Zusammenbruch, weil der Ölpreis wieder dramatisch steigt.

Wer soll den Wandel bezahlen, der Ihnen vorschwebt?

Das macht sich bezahlt, weil es viele neue Möglichkeiten zur Gründung von Firmen schafft und neue Arbeitsplätze bringt. Die gesamte Energie-Infrastruktur muss erneuert, der Gebäudebestand saniert werden. Allein durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sind in Deutschland mehr als 250 000 Jobs entstanden. Neben der Gebäudesanierung bringt auch der Aufbau von Speicherkapazitäten neue Geschäftsideen und Jobs. Das gilt ebenso für das Energie-Internet und die Elektromobilität. Es gibt immer Investitionen, in guten wie in schlechten Zeiten. Die Frage ist nur, wofür das Geld investiert wird – in eine überkommene oder eine neue Infrastruktur. Mit dem EEG wird ein Teil des Umbaus über die Stromrechnungen finanziert. Das lässt sich aber nicht beliebig wiederholen. Deshalb gibt es in Deutschland billige Darlehen für Hausbesitzer, die ihr Haus zu einem Teil der künftigen Energieinfrastruktur machen wollen.

Was bedeutet das für die Stromkonzerne?

Das bringt eine dramatische Veränderung. Das alte Geschäftsmodell der Konzerne, der Verkauf von Strom, ist nicht zu halten. Aber sie bekommen eine neue Rolle als Organisatoren der Energienetze. IBM hat einen ähnlichen Wandel vollzogen – als mit Computern kein Geld mehr zu verdienen war, haben sie sich auf das Informationsmanagement verlagert.

Lassen sich Ihre Ideen auch ohne den Staat als Geldgeber umsetzen?

Ratingagenturen und Ökonomen sagen den Regierungen: Ihr müsst Eure Haushalte in Ordnung bringen und sparen. Wenn die Staaten das tun, sagen sie: Eure Wirtschaft wächst nicht, wie wollt Ihr Eure Schulden zurückzahlen? Also müssen die Regierungen versuchen, beides zu tun. Das geht nur mit Investitionen in neue Infrastruktur. Das nützt ganz Europa, weil diese dritte industrielle Revolution nicht mehr national ist, sondern mindestens kontinental. Deutschland kann diese Vision exportieren. Es gibt gute Voraussetzungen, gute Technologien.

Zwei Drittel der deutschen Wirtschaftsleistung kommen aus der Industrie. Hat sie in Ihrem Konzept Zukunft?

Das wird eine große Veränderung. Die Zukunft liegt nicht mehr in zentralisierten großen, sondern in kleineren Einheiten, die sich zu einem großen Netz verbinden. Das sind die Geschäftsmodelle der Zukunft. Großen Unternehmen kommt in Zukunft eher die Aufgabe zu, ihr Wissen an kleine und mittlere Unternehmen weiterzugeben.

Welche Rolle werden die USA spielen?

Die Amerikaner glauben, dass sie die einzige Demokratie sind und die ganze Welt um sie kreist. Sie halten Europa für ein Museum. Es ist eine Tragödie.

Und China?

Ich weiß es nicht. Sie exportieren alle technologischen Komponenten dieser Veränderung. China wird vermutlich ein Problem damit haben, dass die dritte industrielle Revolution eine demokratische Revolution sein wird, weil jeder die Kontrolle über die Energie und die Informationen behält. Für Indien ist das vermutlich leichter, das ist schon eine Demokratie. Am schnellsten gehen die Veränderungen in Südkorea. Das Land ist in Asien, was Deutschland in Europa ist, ein Ideengeber, ein Antreiber. Wir müssen wegkommen vom amerikanischen Traum und sollten uns eher am europäischen Modell orientieren.

Aber auch der europäische Lebensstil ist nicht nachhaltig.

Der größten Treiber des Klimawandels sind Gebäude und ihr Energieverbrauch, der zweite ist die Landwirtschaft, und zwar die Rinderzucht. Verkehr ist die Nummer drei. Es stimmt, wir müssen unseren Lebensstil überdenken und weniger Fleisch essen. Es gibt auf der Erde nicht genügend Land, um die ganze Weltbevölkerung mit Fleisch zu ernähren.

Das Gespräch führten Carsten Brönstrup und Dagmar Dehmer.

DER BERATER
Jeremy Rifkin, 66, ist Soziologe, Ökonom und Buchautor. Er hat die Denkfabrik Foundation on Economic Trends gegründet und berät Unternehmen und Regierungen, darunter die EU-Kommission. Zudem lehrt er an der Wharton School der Universität Pennsylvania.

DIE IDEEN
Rifkin gilt als Visionär, seine Themen sind wirtschaftliche Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Zu seinen einflussreichsten Werken gehören „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ (1997), in dem er die Folgen des Beschäftigungsabbaus in der Produktion beschreibt, und „Access“, in dem er den Zugang zu Ideen und Dienstleistungen höher einstuft als Besitz. Zuletzt hat er „Die dritte industrielle Revolution“ veröffentlicht (Campus-Verlag, 304 Seiten, 24,99 Euro).

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