Wirtschaft : Energiewende, was nun?

Was Anleger vom Atomausstieg haben – und wo die Risiken lauern

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Nach dem Ausstieg. RWE und Eon bauen ihre Geschäftsmodelle um, die Erneuerbaren hoffen auf zusätzliche Geschäfte. Foto: dpa
Nach dem Ausstieg. RWE und Eon bauen ihre Geschäftsmodelle um, die Erneuerbaren hoffen auf zusätzliche Geschäfte. Foto: dpaFoto: dpa

Einst galten sie als Witwen- und Waisenpapiere, die für verlässliche Kurssteigerungen und stetige Renditen sorgten. Und jetzt das: Die Aktien der beiden großen deutschen Energieversorger Eon und RWE, beide im Dax notiert, haben gewaltige Kursstürze hinter sich. Allein seit dem Fukushima-Gau Mitte März ist der Börsenwert von Eon um knapp 20, jener von RWE um fast 25 Prozent eingebrochen. Langfristig sieht die Bilanz nicht besser aus: In den vergangenen drei Jahren haben beide Konzerne etwa die Hälfte ihres Börsenwerts eingebüßt.

Kein Wunder: Der Ausstieg aus der Kernenergie, lange diskutiert und am 30. Juni vom Deutschen Bundestag für das Jahr 2022 beschlossen, zwingt die großen Versorger zu einem kompletten Umbau ihrer Geschäftsmodelle. Betroffen sind neben RWE und Eon auch die Nummer drei und vier in Deutschland: EnBW, drittgrößter Energieversorger in Deutschland und seit Februar wieder komplett in öffentlicher Hand, und Vattenfall, schwedisches Unternehmen in Staatsbesitz und fünftgrößter Stromversorger Europas.

Bereits das dreimonatige Moratorium, das kürzlich im kompletten Aus für die betroffenen Kernkraftwerke endete, kostete die Versorger hunderte Millionen: RWE spricht von einem Minus von rund 200 Millionen Euro für die Kraftwerke Biblis A und B, Eon setzt die Einbußen allein durch die dreimonatige Stilllegung von Isar 1 und Unterweser auf eine viertel Milliarde Euro an. EnBW muss auf Einnahmen von Philippsburg 1 und Neckarwestheim 1 verzichten, Vattenfall fehlen Brunsbüttel und Krümmel.

Nach Berechnungen von Greenpeace kosten die sieben bereits abgeschalteten Atomkraftwerke die Betreiber 25 Milliarden Euro Gewinne, der vorgezogene Ausstieg schlage insgesamt mit bis zu 60 Milliarden Euro zu Buche. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat in einer aktuellen Studie auch gegenläufige Effekte wie steigende Strompreise einkalkuliert und schätzt die Einbußen für RWE und Eon auf knapp 20 Milliarden Euro.

Wie viel Unsicherheit die Neuausrichtung der Konzerne mit sich bringt, zeigen Übernahmespekulationen, rasche Verkäufe von Unternehmensteilen und nicht zuletzt auch die Urteile der Analysten. So hält der Börsenbrief Prior die Aktien von RWE und Eon für „ein unkalkulierbares Risiko“. Profitprognosen seien ebenso hinfällig wie die fürstlichen Dividenden, weitere Kursdebakel hingegen wahrscheinlich, zumal das Umsteuern auf erneuerbare Energien, intelligente Stromnetze und mehr effiziente konventionelle Kraftwerke Milliardeninvestitionen und damit Kreditbelastungen nach sich ziehe.

Unter anderem deshalb stufte Moody’s RWE gerade ab. Der Atomausstieg nage an den Gewinnen und werde die Kreditwürdigkeit des Unternehmens beeinträchtigen. Seit einiger Zeit rechnet der Markt ja auch mit einer Kapitalerhöhung, die zwar Geld in die Kassen spülen, aber auch den Wert der Aktien verwässern würde. Auch Unicredit senkte den Daumen und seine Kursziele für RWE.

Das japanische Bankhaus Nomura glaubt, dass der vorgezogene Ausstieg bei Eon den Gewinn je Aktie heuer um elf Prozent drücken werde. Andere Analysten sind deutlich optimistischer: So hat Bernhard Jeggele, Autor der LBBW-Studie und Spezialist für Versorger-Aktien, die Papiere von RWE und Eon hochgestuft. Der Hintergrund: Die Unternehmen hätten nach dem Ausstiegsbeschluss wieder Planungssicherheit. Zudem seien sehr viele negative Nachrichten schon in den Kursen enthalten. Eon stehe allerdings deutlich besser da als RWE, vor allem wegen der günstigeren Bewertung, der besseren Marktposition und dem geringeren Investitionsbedarf. Ähnlich argumentieren auch die Credit Suisse und die UBS. Zwar sei mit einer Dividendenkürzung zu rechnen, doch seien Gau und Energiewende nun vom Markt verarbeitet.

Neue Kooperationen wie die jüngst beschlossene Zusammenarbeit zwischen RWE und dem russischen Gasriesen Gazprom, kleine Zukäufe und Übernahmen hingegen seien sehr wahrscheinlich, prognostiziert Jeggele. Dies gelte auch für andere Stromkonzerne weltweit. Denn der Ausstiegsbeschluss eines Landes mit Vorbildfunktion habe zu einem hohen Aufmerksamkeitsgrad und Interesse auch bei Kritikern geführt, glaubt der Analyst.

Während die einen leiden, sehen die anderen ein Milliardengeschäft. Nicht nur Solar- und vor allem Windenergiefirmen hoffen auf Geschäfte, sondern auch viele Firmen aus den Branchen Elektrotechnik und Maschinenbau, aus der Bauwirtschaft und der Landwirtschaft: Netze müssen ausgebaut werden, zusätzliche Speicher installiert, Gas- und Dampfkraftwerke gebaut, Flächen für Windparks zur Verfügung gestellt, Rohstoffe für Biogasanlagen gewonnen und energiesparende Produktionsprozesse erdacht werden, die den mit dem Atomausstieg zwangsläufig höheren CO2-Ausstoß wieder neutralisieren. Firmen wie General Electric, ABB, Alstom und Siemens, Bauunternehmen und Maschinenbauer wittern da neue Geschäfte in Milliardenhöhe.

Selbst die angeschlagene Schiffsbauwirtschaft schöpft Hoffnung, denn werden riesige Windparks auf dem Meer entstehen, so sind Spezialschiffe für den Transport der Anlagen erforderlich. RWE hat 100 Millionen Euro eingesetzt und – in Südkorea ein eigenes, 100 Meter langes Schiff bauen lassen, das drei Windanlagen transportieren und auch bei rauer See als Arbeitsplattform dienen kann.

Auch den Export wird die Energiewende beflügeln, glauben die Experten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Ausfuhr von Technik und Produkten im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien werde sich bis 2020 mehr als vervierfachen. Dass selbst hartgesottene Atomländer wie Frankreich anfangen umzudenken, zeigt eine soeben beschlossene Kooperation: Areva, Hersteller von Brennelementen und Atomkonzern Nummer eins weltweit, baut künftig mit dem spanischen Energieversorger Iberdrola Windparks.

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