Wirtschaft : England bangt um 50 000 Arbeitsplätze

LONDON/MÜNCHEN (AP).Der neue BMW-Chef Joachim Milberg hat nach Angaben des britischen Industrieministeriums weitere Gelder für das angeschlagene Rover-Werk Longbridge in Aussicht gestellt.Die Investitionspläne für den Bau eines Mittelklassewagens seien nicht vom Tisch, erklärte ein Sprecher in London.Bereits am Freitag hatte das britische Industrieministerium den Münchnern finanzielle Hilfen in Aussicht gestellt, wenn die Produktion bei Rover weiter bestehen bliebe.

Die britische Zeitung "Mail on Sunday" berichtete indes, BMW verlange 200 Mill.Pfund (566 Mill.DM) an britischer Hilfe für Rover.Andernfalls würde die Produktion aus dem größten Werk in Longbridge bei Birmingham nach Ungarn verlagert.Der "Observer" meldete, London müsse 300 Mill.Pfund zur Verfügung stellen.Dann sei BMW bereit, Longbridge für 1,5 Mrd.Pfund zu modernisieren und dort eine neue Serie von Klein- und Mittelklassewagen zu bauen.Der "Sunday Times" zufolge ist London derzeit bereit, 150 Mill.Pfund für den Erhalt des Rover-Werkes zu zahlen.Im Gegenzug solle BMW 1,35 Mrd.Pfund in neue Modelle und die Fabrik in Longbridge investieren.

Unterdessen meldete das Nachrichtenmagazin "Focus", daß die Verluste bei Rover mit 1,8 Mrd.DM im vergangenen Jahr weit höher seien als bisher vermutet.Für das laufende Jahr werde sogar mit einem Minus von zwei Mrd.DM gerechnet.Ein BMW-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.

Britische Gewerkschaften forderten ein schnelles Treffen mit dem neuen BMW-Chef Milberg, um den Verlust weiterer Arbeitsplätze abzuwenden.Der Generalsekretär der Fabrikarbeitergewerkschaft, Roger Lyons, sagte über die Unsicherheit bei Rover: "Wir können dieses Damokles-Schwert über der Fabrik nicht endlos hängen lassen." In dem Werk in Birmingham beschäftigt Rover 14 000 Mitarbeiter.Das größte Autowerk Großbritanniens hat Symbolcharakter für die gesamte Region der British Midlands, die in den vergangenen Jahrzehnten durch Krisen in der Textil- und Metallindustrie stark gelitten hat und unter hoher Arbeitslosigkeit leidet.Bei einer Schließung könnten in der Region bis zu 50 000 Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie gefährdet werden.Laut "Focus" soll Rover derzeit bei jedem Auto 5 000 DM Verlust machen.

Der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Nürtingen, Willi Diez, empfahl BMW, sich von Rover zu trennen.BMW könnte aber auch mit einem Massenhersteller wie Ford, Volkswagen oder Renault an Rover beteiligt bleiben, heißt es in einer Studie des Instituts.Ursprünglich wollte Ex-Vorstandschef Pischetsrieder Rover im Laufe des Jahres 2000 in die Gewinnzone bringen.

Nach Auffassung des IG Metall-Chefs Bayern, Werner Neugebauer, werden sich die Turbulenzen bei BMW nicht negativ auf die deutschen Werke des Autoherstellers auswirken."Regensburg, Landshut, Dingolfing und München stehen top da", sagte Neugebauer.Er begrüßte die Neuwahl der Vorstandsspitze als einzige Möglichkeit, BMW wieder aus den Schlagzeilen zu holen.

Spekulationen, BMW könnte von einem anderen Autokonzern übernommen werden, hatte der BMW-Mehrheitsaktionär, die Familie Quandt, deutlich widersprochen.Die Familie werde sich auch in Zukunft klar zu BMW bekennen.Dies sei als Signal an die Belegschaft und die Aktionäre zu verstehen, betonte Sprecher Gaul.VW-Chef Piëch, dem Absichten auf eine Übernahme der Münchner nachgesagt werden, hielt sich am Wochenende betont zurück.Er wolle sich nicht zu dem Thema äußern, ließ der Automanager verlauten, damit nicht noch mehr Unruhe in das Thema komme.Bereits am Sonnabend hatten Äußerungen des DaimlerChrysler Chefs Eaton für Verunsicherung gesorgt, der BMW mehrere Übernahmeversuche in den nächsten Tagen vorausgesagt hatte.

Entsetzen, Kopfschütteln, aber auch Verständnis lösten die Vorgänge bei Kunden, Händlern, Mitarbeitern, Aktionären und Konkurrenten aus.Das Fiasko wird nun Aufsichtsratschef Eberhard von Kuenheim angelastet.Der Nimbus des genialen Managers, der bis 1993 BMW-Chef war, ist beschädigt.Er habe die Qualitätsmarke BMW der Lächerlichkeit preisgegeben, lauten die Vorwürfe.Von Kuenheim habe zugelassen, daß der Vorstandschef über Monate demontiert wurde, er habe den Machtkampf nicht gestoppt und sei ohne abgesicherte Lösung in die Aufsichtsratssitzung gegangen.

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