Entlassung : Ferrostaal-Chef stolpert über Bestechungsskandal

Der Ferrostaal-Aufsichtsrat entlässt nach stundenlanger Beratung den 61-jährigen Matthias Mitscherlich. Nun soll Rechtsexperte Andreas Pohlmann nach der Schmiergeldaffäre aufräumen.

Thomas Magenheim
Winkelzüge.
Winkelzüge.Foto: picture alliance / dpa

München/Essen - Einer Schuld war er sich bis zuletzt nicht bewusst. Nun muss mit Matthias Mitscherlich ein weiterer deutscher Konzernchef wegen eines Bestechungsskandals gehen. Mit sofortiger Wirkung räumt der 61-jährige Vorstandsvorsitzende des Essener Anlagenbauers Ferrostaal seinen Chefsessel. Das ist das Ergebnis einer mehrstündigen Aufsichtsratssitzung, die bis tief in den Montagabend hinein dauerte. Ein Nachfolger soll „zeitnah“ bestimmt werden, hieß es. Zugleich setzte das Aufsichtsgremium weitere Zeichen für eine glaubwürdige Bekämpfung der Affäre. Der von Siemens abgeworbene Andreas Pohlmann wird für das neu geschaffene Amt eines Anti-Korruptionsvorstands verpflichtet.

Zugleich wird die ebenfalls schon beim Siemens-Bestechungsskandal aktive US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton mit internen Untersuchungen bei der bis 2009 noch zum MAN-Konzern zählenden Ferrostaal beauftragt. Das soll die im Ferrostaal-Fall ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft vom ernsthaften Aufklärungswillen der Essener überzeugen, erklärt ein Insider das massive Durchgreifen des Aufsichtsrats, dem nun der Sohn des berühmten Psychologenpaars Margarete und Alexander Mitscherlich zum Opfer gefallen ist.

Er war spätestens unhaltbar geworden, seit ihn die Staatsanwaltschaft beschuldigte, von der Korruption im eigenen Haus zumindest gewusst zu haben, heißt es im Umfeld des Aufsichtsrats. Die Staatsanwaltschaft selbst nennt bis heute keine Namen von Beschuldigten. Durchgesickert ist aber, dass sie gegen mehrere amtierende und frühere Ferrostaal-Manager sowie dritte Personen ermittelt, insgesamt weit mehr als ein Dutzend, wissen mit den Vorfällen vertraute Personen. Auch Klaus Lesker hat als Ferrostaal-Vorstand in der Affäre bereits seinen Hut nehmen müssen. Es geht angeblich um fragwürdige Zahlungen im Volumen einer dreistelligen Millionensumme, die auf vier Kontinenten den Besitzer gewechselt haben.

Zweimal hatte die Staatsanwaltschaft die Essener seit Mitte 2009 bei Razzien gefilzt, umfangreiches Material beschlagnahmt und Verdächtige oder Zeugen verhört. Ferrostaal beteuerte stets, mit den Ermittlern zu kooperieren und hatte interne Untersuchungen angestellt, deren Ergebnisse dann der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt wurden. Überzeugt hat das die Justiz offenbar nicht. Im März klopften sie erneut an der Tür. Seitdem eskaliert die Lage.

„Mitscherlich ist sich keiner Schuld bewusst, aber der Aufsichtsrat und die Aktionäre wollen die Sache mit der Staatsanwaltschaft möglichst schnell regeln“, sagte ein Insider. Regeln heißt, den Fall per Geldbuße für den Konzern zu beenden. 120 Millionen Euro habe die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr gefordert, heißt es. Mittlerweile soll es laut Medienberichten um die doppelte Summe gehen. Thomas Magenheim

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben