Entschädigung : Forderungen an die Bahn: 300 Euro für jedes Hitzeopfer

In den vergangenen Tagen kollabierten viele Bahnreisende wegen saunaähnlicher Temperaturen in den Zügen der Bahn. Verbraucherschützer wollen nun mehr Geld für geschädigte Kunden. Auch die Politik macht Druck.

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Wenn nichts mehr geht. In den vergangenen Tagen sind in zahlreichen ICEs die Klimaanlagen ausgefallen. Viele Reisende erlitten gesundheitliche Schäden.
Wenn nichts mehr geht. In den vergangenen Tagen sind in zahlreichen ICEs die Klimaanlagen ausgefallen. Viele Reisende erlitten...Foto: dpa

Berlin - Der Druck auf die Bahn, ihre Kunden für die Hitzepannen besser zu entschädigen, nimmt zu. „Wir erwarten, dass die Bahn über ihren Schatten springt“, sagte Gerd Billen, Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV), dem Tagesspiegel. Für die Entschädigung der Reisenden, die unter dem Ausfall der Klimaanlagen zu leiden hatten, müsse die Bahn „einige hundert Euro Schmerzensgeld pro Person“ zahlen, fordert Deutschlands oberster Verbraucherschützer. Die Entschädigung müsse spürbar sein. Als Richtschnur nennt Billen einen Betrag von 300 Euro pro Person. Bisher zahlt die Bahn maximal 150 Prozent des Fahrpreises – in Reisegutscheinen. Nach Abzug des Fahrpreises sind das zwischen 50 und 100 Euro. „Das reicht nicht“, kritisiert VZBV-Chef Billen.

In den vergangenen Tagen sind in zahlreichen ICEs die Klimaanlagen ausgefallen, weil sie mit Außentemperaturen von über 32 Grad überfordert waren. Betroffen waren im Wesentlichen Züge der älteren ICE-2-Flotte. Viele Fahrgäste kollabierten wegen der saunaähnlichen Temperaturen in den Zügen und mussten ärztlich versorgt werden. In dieser Woche beschäftigt sich der Verkehrsausschuss des Bundestages mit der Pannenserie. Eingeladen sind Vertreter des Eisenbahnbundesamtes und der Bahn. Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wird teilnehmen. Um das zu ermöglichen, wurde die Sitzung von Dienstag auf Donnerstag verschoben.

Wie Billen fordern auch immer mehr Politiker eine bessere Entschädigung der Opfer. „Die Bahn muss das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen“, betont Lucia Puttrich, die verbraucherpolitische Berichterstatterin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Informationen, die nur scheibchenweise gegeben werden, fehlende Notfallpläne – auf das Krisenmanagement der Bahn ist die CDU-Politikerin nicht gut zu sprechen. Als Entgegenkommen für die Kunden fordert sie nicht nur eine schnelle und unbürokratische Entschädigung der Hitzeopfer, sondern auch den Verzicht auf die ICE-Zuschläge. „Die höheren Fahrpreise sind nur dann gerechtfertigt, wenn die Bahn den Kunden dafür auch mehr bietet“, gibt Puttrich zu bedenken, „aber ICEs, die wegen der Hitze stehen bleiben, sind auch nicht schneller als andere Züge – im Gegenteil.“ Auch das Verbraucherministerium fordert die Bahn auf, ICE-Fahrkarten vorerst zum Normaltarif zu verkaufen. „Da die Reisequalität im ICE derzeit nicht gewährleistet ist, wäre das Aussetzen der ICE-Zuschläge ein geeignetes Zeichen der Bahn ihren Kunden gegenüber“, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Julia Klöckner dem Tagesspiegel. Eine Fahrt von Berlin nach Hamburg kostet im ICE, zweite Klasse, 70 Euro, im Intercity dagegen nur 56 Euro, auf der Strecke Berlin-Dortmund beträgt die Preisdifferenz zwölf Euro.

„Wir wollen unsere Kunden kulant, schnell und unbürokratisch entschädigen“, verspricht Ulrich Homburg, im Bahnvorstand zuständig für den Personenverkehr. Hitzeopfern zahlt das Unternehmen 50 Prozent des ursprünglichen Fahrpreises, wenn sie „massive Komforteinschränkungen“ dadurch hinnehmen mussten, dass im gesamten Zug die Klimaanlagen ausgefallen sind. Reisende, die wegen der Hitze ärztlich versorgt werden müssen, sollen 150 Prozent erhalten. „Ein nicht unerheblicher Teil hat bereits Entschädigungsleistungen bekommen“, berichtet Homburg. Ist der Zug nicht nur heiß, sondern auch noch verspätet, könnten die Passagiere zudem weitere Entschädigungen für die Verzögerungen verlangen, betont der Bahn-Vorstand.

Gezahlt wird in Form von Reisegutscheinen. Das findet Erik Schweickert, verbraucherpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, falsch. Er fordert eine Erstattung in bar. „Für jemanden, der gerade aus einem Zug getragen worden ist, sind Reisegutscheine mehr Hohn als eine Entschädigung“, kritisiert der Liberale. Und auch Staatssekretärin Klöckner sieht die Gutscheine kritisch. „Eine Entschädigung sollte auch in bar möglich sein“, fordert die CDU-Politikerin. Allen voran müsse die Bahn jetzt aber schnell die Probleme mit den Klimaanlagen lösen, mahnt Klöckner.

Bahnchef Rüdiger Grube verspricht Besserung – aber erst auf lange Sicht. Bei der Generalüberholung der ICE-2-Flotte im November sollen – anders als ursprünglich geplant – auch die Klimaanlagen einbezogen werden. Aber „wenn ich sagen würde, es fällt diesen Sommer nie wieder eine Klimaanlage aus, dann würde ich lügen“, räumt Grube ein.

VZBV-Chef Gerd Billen sieht aber nicht nur die Bahn in der Pflicht, sondern auch den Eigentümer des Unternehmens – den Staat. „Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass die Kunden gut bedient werden“, fordert der Verbraucherschützer. Statt Milliarden in Prestigeprojekte wie den unterirdischen neuen Großbahnhof Stuttgart zu investieren, sollten lieber mehr Züge angeschafft und mehr Personal eingestellt werden.

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