Wirtschaft : Entsorger müssen umrüsten

Ein neuer Umweltstandard führt zu Engpässen beim Gewerbemüll

Philipp Volkmann-Schluck

Berlin - Das seit Anfang Juli geltende Deponieverbot für unbehandelte Siedlungsabfälle führt zu Engpässen und steigenden Preisen in der Entsorgungsbranche. „Mehr als vier Millionen Tonnen Müll können in diesem Jahr nicht entsorgt werden“, sagte Roland Scharf, Technikvorstand der Müllbehandlungsfirma BKB, dem Tagesspiegel. Das Unternehmen ist Marktführer und gehört zum Energiekonzern Eon. Nach Angaben des Bundesverbandes für Entsorgungswirtschaft (BDE) sind die Entsorgungspreise seit Juni von 30 Euro pro Tonne auf bis zu 150 Euro gestiegen. Die derzeitige Entsorgungslücke entspricht zehn Prozent des gesamten jährlich anfallenden Siedlungsabfalls.

„Die Engpässe betreffen besonders den Gewerbemüll. Viele Unternehmen haben es verpennt, sich rechtzeitig um eine Alternative zu den Billigdeponien zu kümmern“, sagte Rainer Baake, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, dieser Zeitung. Seit dem 1. Juni gilt ein höherer Umweltstandard in der Entsorgungswirtschaft. Laut der Technischen Anleitung Siedlungsabfall (TASi) dürfen Abfälle nicht mehr unbehandelt deponiert werden. Der Bedarf nach Müllverbrennungskapazitäten ist seitdem enorm gestiegen, weil zuvor ein Großteil des Mülls in kostengünstigen Deponien entsorgt wurde. Von den Preiserhöhungen ist besonders der Gewerbemüll betroffen – die Gebühren für die Hausmüllentsorgung wurden in den meisten Gebieten Deutschlands bereits in den vergangenen Jahren angepasst. Der BDE schätzt die Zusatzbelastung für Unternehmen auf jährlich 600 Millionen Euro.

Laut einer Studie des Bundesumweltministeriums senkt die TASi die Umweltbelastung durch die Müllentsorgung erheblich. Auf Deponien entstehende Gase wie Methan seien deutlich klimawirksamer als das beim Verbrennen entstehende Kohlendioxid. Die Entsorgungsbranche habe die für das Jahr 2020 gesteckten Reduktionsziele des nationalen Klimaschutzprogrammes bereits mehr als doppelt erfüllt.

Auch das Berliner Entsorgungsunternehmen Alba klagt derzeit über Engpässe. „Wir rechnen aber damit, dass wir bis Ende des Jahres zur Normalität zurückkehren“, sagte ein Sprecher. 80 Millionen Euro hat das Unternehmen in Vorbereitung auf die TASi in zwei moderne Abfallbehandlungsanlagen in Berlin investiert, 80 neue Arbeitsplätze sind entstanden. In Reinickendorf ist eine neue Anlage schon in Betrieb, die zweite startet im kommenden Jahr in Pankow.

Nach BKB-Angaben könnte sich die Entsorgungslücke 2006 auf mehr als sieben Millionen Tonnen ausweiten. Derzeit verhindern Exporte und Zwischenlager einen Entsorgungsnotstand. „Die Branche muss weiter wachsen und neue Kapazitäten schaffen“, sagte Scharf. In Vorbereitung auf die TASi hat die Entsorgungswirtschaft bereits mehr als 20 Milliarden Euro investiert, 15 000 neue Arbeitsplätze sind dadurch entstanden.

Nach einer aktuellen Umfrage im Auftrag des BDE klagen derzeit 40 Prozent der Entsorgungsunternehmen über Engpässe. Bereits zum nächsten Jahr könnte sich diese Zahl aber halbieren. „Wir sind zuversichtlich, dass die Entsorgungslücke rasch geschlossen wird“, sagte BDE-Hauptgeschäftsführer Stephan Hermening.

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