Wirtschaft : Entsorgung statt Insolvenz

„Firmenbestatter“ lassen Unternehmen von der Bildfläche verschwinden – zurück bleiben geprellte Gläubiger und Arbeitnehmer in Existenznöten

Manfred Godek

Sie präsentieren sich als Retter in der Not: „Droht Insolvenz? … Binnen 24 Stunden übernehmen bzw. vermitteln wir legal Ihr Unternehmen … in gebotener notarieller Form“, verspricht zum Beispiel ein Berliner Beratungsunternehmen in seinen bundesweit geschalteten Anzeigen. Nun ist man selbst in Schwierigkeiten. Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt in einem „Großverfahren“ gegen Verantwortliche des Unternehmens im Zusammenhang mit zahlreichen Firmeninsolvenzen. Dabei stünden die Straftatbestände der Insolvenzverschleppung, des Bankrotts, der Untreue und des Betruges sowie Buchführungsdelikte in Rede, so die Staatsanwaltschaft.

Der Fall rückt wieder einmal die höchst umstrittenen Praktiken von Wirtschaftsberatern ins Rampenlicht, deren Spezialität es ist, Geschäftsführern angeschlagener Firmen schnell und komfortabel „aus der Klemme zu helfen“. Darunter auch solche, die längst den Weg zum Konkursrichter hätten antreten müssen, sich aber vor den Folgen fürchten: ein ruinierter Ruf, Schulden, womöglich eine strafrechtliche Verantwortung wegen einer verschleppten Insolvenz oder Untreue zulasten der GmbH – etwa nach einen unzulässigen Griff in die Kasse. Ein Ausweg muss her.

Das Grundmuster ist dabei immer gleich: Ein Käufer übernimmt das Unternehmen mit Hilfe eines befreundeten Notars praktisch über Nacht, oft für einen symbolischen Euro. Gleichzeitig wird der Firmensitz an eine Postfachadresse im Ausland verlegt, bevorzugt in Spanien oder einem osteuropäischen Land. Dort ist es Gläubigern nahezu unmöglich, Forderungen auf gerichtlichem Weg durchzusetzen. Im Juristenjargon wird eine solche illegale Entsorgungsaktion auch „Firmenbestattung“ genannt. Der Modus Operandi sei „ein besonders schwerer Fall von Bankrott“, heißt es im Lagebericht des Bundeskriminalamtes. Das gesetzlich vorgesehene Strafmaß liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. Und auch Dienstleister, die solche Übernahmen „beratend begleiten“, machen sich leicht selbst strafbar, zumal die von ihnen vermittelten Aufkäufer nicht selten wegen ähnlicher Delikte längst im Fadenkreuz der Ermittler stehen. Juristen halten schon allein die Werbung für eine perfide Form der Anstiftung.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag geht von mehr als 1000 solcher Fälle pro Jahr aus. Zu den Opfern zählen Lieferanten, Banken und Finanzämter, aber auch private Haushalte. Bauherren etwa, die Anzahlungen geleistet haben, wundern sich über ausbleibende Handwerker. Vergeblichen Anrufen folgt schließlich der Schock über das abmontierte Firmenschild. Übel ist auch das Schicksal der Mitarbeiter, die oft von heute auf morgen auf der Straße stehen. Plötzlich ohne Lohn und Brot haben sie keinen Anspruch auf Insolvenz- oder Arbeitslosengeld, sondern müssen bei der Arbeitsagentur erst einmal ihre „Lage“ erklären.

Zuletzt erlebten dies 70 Angestellte eines westfälischen Büromaterialherstellers. Sie stellten schließlich selbst einen Insolvenzantrag und riefen die Staatsanwaltschaft Paderborn auf den Plan. Deren Ermittlungen führten geradewegs nach Berlin. Bei einer Razzia in den Geschäftsräumen der eingangs erwähnten Beratungsfirma wurden Akten gefunden, die wenig später nach Griechenland transportiert werden sollten. Bis der Fall aufgeklärt ist, kann es allerdings noch dauern. Laut Staatsanwaltschaft werden Vorgänge um etwa 200 Firmen überprüft.

Wenn Gläubiger in solchen Fällen leer ausgehen, ist dafür aber oft auch eigener Leichtsinn verantwortlich. Denn in den seltensten Fällen verschwinden Firmen aus heiterem Himmel. Meistens sind sie bereits mit Zahlungsproblemen aufgefallen. „Doch nur etwa 20 Prozent der deutschen Unternehmen überprüfen ihre Geschäftspartner durch Wirtschaftsauskünfte. Private Haushalte nutzten diese Möglichkeit überhaupt nicht“, sagt Martina Neumayr, Director Risk Management Solutions des Wirtschaftsinformationsdienstleisters D&B. Firmeninformationen können heutzutage ganz bequem über das Internet abgerufen werden. Kosten: je nach Umfang zwischen 15 und 70 Euro. Eine gute Investition – sowohl für Firmen als auch für Verbraucher – bedenkt man den möglichen Schaden.

Mit Hilfe des neuen GmbH-Rechts, das Anfang 2008 in Kraft tritt, will die Bundesregierung die dubiosen Praktiken stoppen. Unter anderem sollen Zustellungen an Briefkastenadressen erleichtert und die Haftung des Ex-Inhabers erweitert werden. Experten bezweifeln allerdings schon jetzt, dass die Maßnahmen ausreichen.

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