Wirtschaft : Enttäuschung Deutschland

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Von Gayle Tzemach

Madhava Turumella parkt seinen dunkelblauen BMW in zweiter Reihe. Er steigt aus und begleitet seine Frau in ein kleines Reisebüro, das mit Postern von Indien und Nepal voll gehängt ist. Seine Frau - in langem blauem Sari über Turnschuhen und noch blass von einer Schwangerschaft - reserviert Plätze im Flugzeug und bestellt ein spezielles Essen. Am nächsten Tag fliegen sie und die beiden Töchter zurück nach Indien. Ihr Mann weiß nicht, wann seine Familie zurückkommt.

So hatte sich Turumella sein Leben in Deutschland nicht vorgestellt. Der 34-jährige studierte Computerexperte mit einem Abschluss als „Microsoft Certified Systems Engineer“ hat ein amerikanisches Visum für hochqualifizierte Arbeitskräfte ausgeschlagen. Stattdessen entschied er sich für die deutsche Green Card. Seine Kollegen verstanden ihn nicht. Warum nach Deutschland gehen, wenn man im Gelobten Land der Hochtechnologie, in den USA, arbeiten konnte? „Jeder geht in das Land mit den meisten Möglichkeiten, aber ich bin ein Optimist“, sagt er. „Wenn Leute von einem Ort sagen, dass dort nichts zu holen ist, gehe ich hin, um mir selbst ein Bild zu machen.“ Turumella fand ein Deutschland vor, das hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland einlädt, ihnen aber nach der Ankunft nicht hilft.

Scheinbar einfache Dinge wie ein Bankkonto einzurichten oder Steuern zu zahlen sind für Ausländer schwierig – vor allem wenn sie wie Turumella kein Deutsch sprechen. „Die Regierung wollte das Einwanderungsgesetz liberalisieren“, sagt Philip Martin, US-Professor für Migration an der University of California, „hat aber versäumt, der Bevölkerung den Nutzen der Einwanderung deutlich zu machen.“

Die Green-Card-Initiative wurde im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt des deutschen High-Tech-Booms ins Leben gerufen. Bundeskanzler Gerhard Schröder reagierte damit auf die Klagen von Unternehmenschefs, sie würden wegen des Mangels von 75000 bis 200 000 Informatik-Experten im internationalen Wettbewerb in Rückstand geraten. Deutsche Politiker reisten ins Ausland und warben für die Green Card, unter anderem im indischen High-Tech-Standort Bangalore. Dort hörte Turumella im Jahr 2000 eine Rede von Außenminister Joschka Fischer, als er in Indien auf Urlaub war. Turumella arbeitete damals in Saudi-Arabien. Deutschland suche Informatiker, sagte Fischer, und versprach einen warmen Empfang.

Kurz nach Fischers Besuch bewarb sich Turumella beim Berliner Meinungsforschungsinstitut Forsa. Der Unternehmensgründer Manfred Güllner lud ihn ein und engagierte ihn als Informationstechnologie-Manager. Turumella sollte für die Softwareentwicklung und das Internet-Research zuständig sein mit einem Jahresgehalt von mehr als 80000 Euro plus zusätzlicher Boni.

Dann halfen Güllner und seine Angestellten dem neuen indischen Mitarbeiter, sein Leben in Deutschland einzurichten. Sie brachten seine Familie nach Berlin, erledigten den Papierkram und stellten sicher, dass das Gepäck der Familie sicher aus Saudi-Arabien ankam. Güllner stellte Turumella sogar für seine Wohnungssuche einen Fahrer zur Verfügung.

Sobald aber Turumella und seine Familie in Deutschland angekommen waren, fühlten sie sich nicht mehr wie eingeladene Gäste. Als der indische Computer-Spezialist ein Bankkonto eröffnen wollte, sagten ihm die Bankangestellten, es gebe keine Formulare auf Englisch. Und als er an das Finanzamt mit der Bitte um Informationen über das deutsche Steuersystem schrieb, erhielt er nur auf Deutsch die Antwort, es gäbe keine englischen Dokumente. Auch die Beschaffung der Geburtsurkunde für seine Tochter wurde zum Problem. Erst nach zwei Besuchen bei der indischen Botschaft und einer Bescheinigung, dass sein Wunsch in Indien üblich ist, durfte er seine Tochter Sivaani nennen.

Dann kam der Kampf um den Führerschein. Turumella bestand den schriftlichen Test – auf Englisch – aber fiel zweimal durch die praktische Prüfung. Er bestand die Prüfung erst, als er sich mit der Bitte um einen englischsprachigen Prüfer durchsetzen konnte.

Turumella hat keine engen deutschen Freunde. Die einzigen Nachbarn, mit denen er und seine Frau Kontakt haben, ist eine Familie ehemaliger indischer Gastarbeiter, die in den 70er Jahren nach Deutschland kamen. Die einzige Mutter, mit der Turumellas Frau Sundari beim Kindergarten ihrer dreijährigen Tochter ins Gespräch gekommen ist, war Türkin. Bei den Deutschen, mit denen sie Kontakt gehabt habe, fühlte sie sich unerwünscht. „In Rom und Neapel hatte ich nie solche Probleme“, sagt die promovierte Mathematikerin, die in Italien und Australien gearbeitet hat.

Ministerium fühlt sich nicht zuständig

Das Arbeitsministerium fühlt sich nicht zuständig. Die Unternehmen, die die Experten angeheuert hätten, wären für deren Integration verantwortlich. „Das ist kein staatliches Rekrutierungsprogramm“, sagt der Staatssekretär im Bundesarbeitministerium, Gerd Andres, „sondern eine Möglichkeit für deutsche Firmen, Arbeitskräfte schnell und leicht mit einem minimalen Bürokratieaufwand anzuheuern.“ Bislang sind nach offiziellen Zahlen 11497 Leute, davon 20 Prozent Inder, nach Deutschland gekommen. Ein Grund für die niedrige Zahl ist, dass das Gesetz gerade zu dem Zeitpunkt in Kraft trat, als die High-Tech-Branche nachließ. Doch selbst diese Zahl dürfte hochgegriffen sein. Es gibt keine genaue Statistik. Doch Arbeitgeber und Mitglieder der kleinen Community von Einwanderern meinen, dass viele der Computerexperten, die mit der Green Card nach Deutschland kamen, schon wieder in ihr Land zurückgekehrt seien.

Auch Sundari Maddala lebte sich nie in ihrer neuen Heimat ein. Sie könne nicht in einem Land bleiben, in dem sie von internationalen Kontakten abgeschnitten sei. Als bei ihrer Schwangerschaft Komplikationen auftraten und ihr Baby mit einem Gehirnfehler zur Welt kam, hatte sie genug. Problematische Schwangerschaften können überall vorkommen, aber was tun, wenn Mutter und Kind in einem fremden Land krank werden, wo es keine Verwandten und Freunde gibt?

Trotz all der Probleme will Turumella durchhalten. Er hofft, dass seine Frau mit ihren Kindern nach einer Ruhepause in Indien wieder nach Berlin zurückkehrt. Turumella kann jetzt ohnehin nicht Deutschland verlassen. Die ärztliche Behandlung seiner Familie hat Zehntausende von Euros gekostet und die Krankenversicherung ist an den Job gebunden. „Ich würde nicht sagen, es war ein Fehler. Ich würde sagen, es ist ein fremdes Land“, sagt Maddala. Seine Frau ist weniger versöhnlich. „Es ist kein idealer Ort“, sagt sie. „Ich würde Deutschland nicht weiterempfehlen."

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