Wirtschaft : Entwicklungshilfe: Argentiniens Schicksal geht alle an

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Alles wie immer, mochten sich viele Staats- und Regierungschefs gedacht haben, als sie vor Wochen den G 8-Wirtschaftsgipfel in Genua planten: Armutsbekämpfung, eine neue Welthandelsrunde, Gespräche über die Lage der Weltwirtschaft setzten sie auf die Agenda. So weit, so gewöhnlich. Doch das Programm von kommendem Freitag bis Sonntag wird anders aussehen. In den Schwellenländern rumort es: Argentinien steht vor der Zahlungsunfähigkeit, und die Türkei bekommt ihre finanziellen Probleme nicht in den Griff. Bricht in den Ländern das Chaos aus und ziehen Investoren ihr Kapital ab, könnte die Krise auch auf andere Schwellenländer übergreifen. Eine zweites Debakel wie 1997 in Asien droht womöglich - angesichts der labilen Weltkonjunktur passt dies den Lenkern der acht mächtigsten Staaten überhaupt nicht ins Konzept.

Die Frage nach der Stabilität der internationalen Finanzmärkte, nach der Stärkung der internationalen Finanzarchitektur, nach einer noch stärkeren Ausrichtung des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf die Prävention von Finanzkrisen gewinnt damit an ungewollter Aktualität. Wie unsicher die Lage ist, zeigt der Entschluss des IWF-Präsidenten Horst Köhler, wegen Argentiniens Problemen seine Reise nach Genua abzusagen und nach Washington zurückzukehren. Teilnehmen wird neben den Staats- und Regierungschefs der G 7-Länder USA, Kanada, Japan, Großbritannien, Frankreich und Italien auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan. Er wird über die Ziele und die Ausgestaltung des Gesundheitsfonds berichten (siehe Kasten). Erst später im Verlauf des dreitägigen Treffens wird auch der russische Premier Wladimir Putin zur G 7-Riege hinzustoßen. Wie bei früheren Treffen werden auch in Genua mehr als hundertausend Globalisierungsgegner erwartet. Da die Organisatoren von gewalttätigen Ausschreitungen wie schon im europäisch-amerikanischen Gipfel in Göteborg ausgehen, gleicht die italienische Hafenstadt schon jetzt einer Festung, denn die Staats- und Regierungschefs sollen unbehelligt tagen können. Und sie haben eine Menge abzuarbeiten. Auf der Agenda des Gipels steht auch das große Thema der Armutsbekämpfung.

In Genua ziehen die G8-Länder eine Zwischenbilanz der Entschuldungsinitiative der ärmsten Länder, die beim Gipfel in Köln vor zwei Jahren von Bundeskanzler Gerhard Schröder forciert worden war. Wie es heißt, sind mittlerweile 23 von 41 möglichen Länder für einen Schuldenerlass qualifiziert. Nicht qualifizieren können sich diejenigen, die in einen Krieg verstrickt sind. Allen, die jetzt ausgewählt sind, sollen 54 Milliarden US-Dollar erlassen werden, heißt es in Berliner Regierungskreisen. Dabei wird Deutschland direkt und indirekt auf Forderungen in Höhe von 15 Milliarden Mark verzichten.

Verständigen wollen sich die G 8 auch über die nächste Welthandelsrunde in Doha in Qatar im November diesen Jahres. Dabei hat die Bundesregierung schon jetzt klar gemacht, dass sie sich für eine Stärkung der Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) im Rahmen einer neuen WTO-Runde einsetzen werde. Ganz wichtig ist dabei, dass gerade der Marktzugang für die am wenigsten entwickelten Länder verbessert wird. Denn könnten diese Länder tatsächlich ungehindert am Welthandel teilnehmen und alle ihre Güter anbieten, könnte ein Großteil der Entwicklungshilfe gestrichen werden.

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