Wirtschaft : Entwicklungsländer profitieren von Migranten

Auswanderer überweisen 167 Milliarden Dollar nach Hause – und tun mehr gegen die Armut als der Westen

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Berlin - Migration hat auch ihr Gutes. „Auswandern ist zwar immer nur die zweitbeste Lösung“, sagt Uri Dadush. Schließlich bliebe jeder, wenn’s ginge, lieber in seiner Heimat, bei seiner Familie. Aber, fügt der französische Ökonom in Diensten der Weltbank hinzu: „Migration kann erheblich dazu beitragen, den Wohlstand von Auswanderern und ihren Familien zu mehren, und mehr noch: Sowohl die Herkunfts-, als auch die Zielstaaten profitieren davon.“ Das jedenfalls ist das Ergebnis des Weltbank-Berichts über die Perspektiven der Weltwirtschaft 2006, der am Freitag in Berlin vorgestellt wurde – und sich erstmals der Migration und ihren wirtschaftlichen Folgen für die Entwicklungsländer widmet.

Das Ergebnis habe die Ökonomen selbst überrascht, sagt Dadush: Die Gesamtsumme, die Migranten vom Lohn ihrer Arbeit an ihre Familien in den Heimatländern schicken, steige in diesem Jahr voraussichtlich auf 167 Milliarden Dollar (rund 143 Milliarden Euro). Die Summe habe sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt und übersteige die Gesamtheit aller Entwicklungshilfegelder um mehr als das Zweifache. Sie verringere in erheblichem Maße die Armut und stärke das Wirtschaftswachstum. Ökonomisch seien diese Zahlungen mithin von kaum zu überschätzender Bedeutung. Erst recht, wenn berücksichtigt werde, dass noch einmal 80 Milliarden Dollar die daheim gebliebenen Familien auf inoffiziellen Wegen erreichen. „Das ist mit Abstand der größte, verlässlichste und stabilste Geldzufluss, den die Entwicklungsländer überhaupt kennen“, sagt Dadush.

In absoluten Zahlen sind es in erster Linie die bevölkerungsstarken Schwellenländer China (22 Milliarden Dollar 2004), Indien (21 Milliarden), Mexiko (18 Milliarden), die von den Überweisungen der Ausgewanderten profitieren. In besonders armen, besonders kleinen Ländern aber, in Staaten wie Tonga, Moldawien, Lesotho, mache dieses Geld ein Viertel, zum Teil sogar mehr als ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Deutschland übrigens kommt nach der Höhe der Rücküberweisungen immerhin auf Platz acht weltweit: Deutsche Auswanderer senden in diesem Jahr voraussichtlich 6,5 Milliarden Dollar nach Hause.

Wie sehen die positiven Effekte der Migration aus? Dadush zählt auf: Ein Armer, der auswandert, „ist aus Sicht des Entwicklungslandes ein Armer weniger“. Wenn es gut ginge, werde er im Zielstaat einen Job im Niedriglohnsektor übernehmen, den kein Einheimischer machen will. Er wird sein Geld hier ausgeben – und außerdem an seine Familie schicken, die es daheim investiert oder verkonsumiert. Dadush warnt zugleich davor, die Augen vor den negativen Auswirkungen zu verschließen: Migration sei eine bedeutende Hilfe, aber beileibe kein Ersatz für wirkliche Entwicklung. Die weniger glänzende Kehrseite der Migrationsmedaille sei der „brain drain“, der mit der Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte einherginge. Der Appell der Weltbanker ist denn auch ein zweifacher: Die Entwicklungsländer sollten mehr in Forschung und Wissenschaft investieren, um Arbeitsgelegenheiten für Hochqualifizierte zu schaffen. Und um das positive Potenzial der Migration auszuschöpfen (die Ökonomen rechnen für das Jahr 2025 mit einem weltweiten Einkommenszuwachs von 0,6 Prozent, gleich 356 Milliarden Euro, allein auf Grund von Migration), sollten Industrieländer eine Politik entwickeln, die die Einwanderung klar regelt, einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt erlaubt und die hohen Transferkosten für Überweisungen senkt.

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