Wirtschaft : "Er hatte die Ideen, sie hat sie umgesetzt"

VANESSA LIERTZ

Eine Ära geht zu Ende.50 Jahre ist die D-Mark alt, Symbol für wirtschaftlichen Aufschwung und Stabilität in der Bundesrepublik Deutschland.Nun macht die D-Mark dem Euro Platz.Was ist aus den Unternehmen der Wirtschaftswunderjahre geworden, wie haben sie den Generationswechsel bewältigt? Der Tagesspiegel stellt einige von ihnen in lockerer Folge vor.

Die Emanzipation des Familienunternehmens Quelle zum Konzern hat eine Frau auf den Weg gebracht: Grete Schickedanz.Unter ihrer Ägide wanderte das kleine Fürther Versandhaus schließlich unter das Dach einer Holding, die heute den Namen Schickedanz Holding Stiftung trägt.Jahrzehntelang hat Grete Schickedanz die Entwicklung dieses Unternehmens geprägt.So ist es ihr zu verdanken, daß Quelle heute in Warschau ebenso ein Begriff ist wie in Paris.

Inzwischen verbucht die Quelle-Gruppe einen Jahresumsatz von zwölf Mrd.DM, davon 25 Mill.DM im Internet.Und mit weltweit 27 500 Beschäftigten verschickt das Unternehmen längst nicht nur Kataloge für Kleider, Gartenmöbel und Fertighäuser, sondern betreibt außerdem einen Fotofachhandel sowie eine Reisebürokette.Die Ausbreitung von Quelle im Cyberspace, die Umwandlung der Gruppe in eine Aktiengesellschaft, die rückwirkend zum 1.Januar 1999 erfolgen soll, und die de-facto Mehrheitsbeteiligung der Schickedanz-Holding am Karstadt-Konzern 1997, konnte Grete Schickedanz nicht mehr erleben: Sie starb im Jahre 1994.

Gewöhnlich heiraten Männer in einen Betrieb ein, um ihn später zu führen.Grete Schickedanz, geborene Lachner, machte es umgekehrt.Sie war die engste Mitarbeiterin von Gustav Schickedanz.Dieser führte bereits vor dem Krieg eine Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren, aus der 1927 das Versandhaus Quelle entstand.Der Krieg aber machte fast alles zunichte.Ein Bombenangriff zerstörte die Gebäude des Unternehmens.Nach dem Krieg verurteilten die Amerikaner den angeblichen Nazi-Unternehmer Schickedanz zum Nichtstun.Daraufhin handelte seine Frau: Sie eröffnete einen kleinen Textilladen im fränkischen Hersbruck, mit dem sie die Verbindung zu den großen Textilfabrikanten aufrechterhielt.So gelang es den beiden, im Jahre 1948 zum zweiten Mal das Unternehmen Quelle zu gründen, das in jenem Jahr bereits 315 000 DM Umsatz verbuchte.Es ging steil nach oben: Von 1954 bis 1974 stieg der Jahresumsatz von 260 Mill.DM auf 6,4 Mrd.DM, die Mitarbeiterzahl versiebenfachte sich auf 35 000.Die Quelle Gruppe zählte zehn Millionen Kunden.

Das Ehepaar als Führungsteam beschrieb ihre Tochter, Madeleine Schickedanz, einmal so: "Er hatte die Ideen und sie hat sie umgesetzt." Ebenso wie seine Frau war auch Gustav Schickedanz, der im Jahre 1977 starb, eine starke Persönlichkeit."Mitarbeiter, die ihn kannten, beschreiben ihn als charismatischen Führer", erzählt Quelle-Sprecherin Sabine Hauck.

Gleichwohl hat Grete Schickedanz entscheidende Weichen gestellt.Anfang der 90er Jahre, kurz vor ihrem Tod, war sie maßgeblich am Engagement in den neuen Bundesländern beteiligt - dem Bau des Großversandhauses in Leipzig.Längst ist die Quelle-Gruppe auch in Osteuropa kein Unbekannter mehr.Im Jahr 1989 unterschrieb das Unternehmen in Budapest einen Vertrag für den ersten deutsch-ungarischen Versandbetrieb.Heute verzeichnet der Quelle-Umsatz nicht nur in Ungarn, sondern auch in Slowenien zweistellige Zuwachsraten, und die Region Mittel- und Osteuropa ist inzwischen zum Schwerpunkt des Exportgeschäfts geworden.In Rußland unterhält der Versender Bestellbüros in fünf Großstädten, in China hat er ebenfalls einen Versandbetrieb eröffnet.Alle Auslandsaktivitäten zusammen erwirtschafteten 1997 einen Jahresumsatz von zwei Mrd.DM.

Doch es gab auch Schattenseiten.1983 - Grete Schickedanz führte damals zusammen mit ihren beiden Schwiegersöhnen Hans Dedi und Wolfgang Bühler Regie - schlitterte das Unternehmen tief in die roten Zahlen.In Branchenkreisen hieß es, die Unternehmerin habe zu sehr darauf geachtet, das Konzept ihres Mannes zu wahren, anstatt auf den Markt zu achten.Grete Schickedanz holte die Beratungsgesellschaft McKinsey: Quelle entließ knapp 10 000 Mitarbeiter und verbesserte seine Logistik.McKinsey-Direktor Klaus Zumwinkel blieb im Haus und übernahm 1985 das neue Vorstandsressort "Geschäftsentwicklung und Sonderaufgaben".Zwei Jahre später zog sich Grete Schickedanz aus dem operativen Geschäft zurück, Zumwinkel wurde Vorstandsvorsitzender.

Kein leichter Job: Der erste familienfremde Manager sollte das immer noch hart um Rentabilität ringende Unternehmen auf Erfolgskurs bringen.Dabei mußte er sich mit dem Familien-Clan arrangieren, der weiterhin über die Holding der Quelle-Gruppe präsent war.Auch Grete Schickedanz hatte sich nicht ganz von der Macht verabschiedet: Sie blieb Vorsitzende des Verwaltungsrates und stellvertretende Vorsitzende der Holding.Vier Jahre später verließ Zumwinkel das Unternehmen vorzeitig.Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Schickedanz dürften dabei eine Rolle gespielt haben.

Der Abschied Zumwinkels war der Auftakt für ein Kommen und Gehen in der Führungsetage.Noch immer gehört das Unternehmen zu hundert Prozent den Familienmitgliedern, die seinen Kurs über diverse Machtpositionen in der Holding mitlenken wollen.Noch immer dreht sich das Personalkarussel: rund ein Dutzend Vorstandswechsel waren die Folge.Zuletzt verließ im Herbst 1998 der Vorstandschef der Quelle Gruppe, Steffen Stremme, das Versandhaus.Damit scheiterte der dritte Versuch, einen Manager von außen an die Spitze des Unternehmens zu setzen - vor Stremme hatte der heutige Debis-Vorstand Klaus Mangold den Managersessel ausprobiert.Jetzt führt ein Quelle-Vertrauter Regie: Der 60jährige Willi Harrer, langjähriger Vorstand für das größte Ressort Textilien.Und am Machtgefüge des Unternehmens wird sich vorläufig nichts ändern, wie Quelle-Sprecherin Sabine Hauck zu verstehen gibt: "Das Unternehmen bleibt im Besitz der Familie, ein Börsengang ist nicht geplant".

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