Wirtschaft : Er heißt Ricke und wusste von nichts

Ehemaliger Telekom-Chef sagt im Spitzelprozess aus und beteuert seine Unschuld

Christoph Driessen (dpa)
Nur Zeuge. Der Staatsanwalt fand keine Beweise gegen Kai-Uwe Ricke. Foto: dapd
Nur Zeuge. Der Staatsanwalt fand keine Beweise gegen Kai-Uwe Ricke. Foto: dapdFoto: dapd

Bonn - Kai-Uwe Ricke war nie ein Vorstandsvorsitzender vom Typ Sonnenkönig, so wie sein Vorgänger Ron Sommer. Und als Konzernchef außer Dienst tritt er erst recht nicht so auf. Er betritt das Landgericht Bonn am Freitagmorgen wie jeder normale Besucher durch die Sicherheitsschleuse, lässt seine abgewetzte Tasche durchsuchen und gibt das Handy ab. Dann steht der große, hagere Mann im Gerichtssaal. „Morgen“, sagt er kurz.

Kai-Uwe Ricke tritt als Zeuge auf, nicht als Angeklagter, wie es Oberstaatsanwalt Fred Apostel gern gesehen hätte. Aber Apostel hat keine Beweise dafür, dass Ricke in seiner Zeit als Telekom-Chef selbst die Bespitzelung von Aufsichtsräten und Journalisten in Auftrag gegeben hat. Deshalb musste er seine Ermittlungen einstellen, was als schwere Schlappe für den Oberstaatsanwalt gewertet wurde. Mitarbeiter der Konzernsicherheit hatten während Rickes Amtszeit von 2002 bis 2006 Aufsichtsräte, Betriebsräte und Journalisten ausspioniert. Im Frühjahr 2008 flog der Datenmissbrauch auf. Für zwei Angeklagte ist der Prozess bereits glimpflich ausgegangen. Das Verfahren gegen sie wurde Anfang Oktober gegen Zahlung einer Geldstrafe vorläufig eingestellt.

Auf der Anklagebank sitzt jetzt nur noch ein Mann – Klaus T. Der wirkt wie ein gewissenhafter Beamter und war auch lange einer. Dann stieg er zu einem der Chefs der Konzernsicherheit bei der Telekom auf. Es muss unangenehm sein für Ricke, ihm an diesem Morgen schräg gegenüberzusitzen. Beide schweigen, während sie auf das Eintreten der Richter warten. Ricke faltet die Hände und schaut wie zur Salzsäule erstarrt geradeaus. Die Fotografen machen Bilder von ihm. Eine Minute kann sehr lang werden. Als die Richter hereinkommen, ist dies eine Erlösung.

Ricke wird darüber belehrt, dass er vor Gericht steht. Seine persönlichen Daten werden aufgenommen. Er ist 48 Jahre, Kaufmann, wohnhaft in der Schweiz. Und dann beginnen die Fragen. Im Grunde dreht sich alles nur um eins: Hat Ricke die Bespitzelung nicht doch in Auftrag gegeben, vielleicht nicht ausdrücklich, aber doch in Andeutungen? Kann es wirklich sein, dass er nichts wusste? Und dass der Hauptangeklagte Klaus T., der den großen Vorsitzenden offenbar bewunderte, allein handelte? Ricke gab der Abteilung Konzernsicherheit 2005 den Auftrag, herauszufinden, wer aus der Unternehmensspitze immer wieder vertrauliche Informationen an die Presse weitergab. Verdächtigt wurde der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates, der auch im Aufsichtsrat saß. Ricke betont: „Ich habe zu keinem Zeitpunkt von illegalen Methoden gewusst, noch hätte ich sie geduldet.“

Der Vorsitzende Richter Klaus Reinhoff geht psychologisch geschickt vor. Er ist betont höflich, umschmeichelt den prominenten Zeugen. Er sagt zum Beispiel: „Jetzt möchte ich Ihnen nicht zu nahetreten, Sie waren immerhin Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom.“ Aber dann stellt er doch Fragen wie: „Was haben Sie denn eigentlich gedacht, was die Konzernsicherheit macht, um Ihren Auftrag zu erfüllen?“ Rickes zögerliche Antwort: „Ich habe mir ehrlich gesagt über die Methoden nicht wirklich Gedanken gemacht. Ich bin nicht der Spezialist für dieses Thema.“ Ricke redet danach noch drei Stunden weiter, aber im Grunde sagt er nur immer wieder das Gleiche, nämlich, dass er von nichts gewusst haben will. Richter Reinhoff zeigt offen seine Verwunderung, vor allem darüber, dass Ricke dem Thema damals einerseits hohe Priorität eingeräumt, von den Details aber nichts gewusst haben will. Ricke kann zu diesem Punkt wenig Erhellendes beitragen. Ja gut, er hätte misstrauischer sein müssen.

Oberstaatsanwalt Apostel verfolgt das Schauspiel von der Seite, ohne selbst das Wort zu ergreifen. Aber je länger die Befragung dauert, desto mehr Notizen macht er sich. Ricke wirkt immer fahriger, und Richter Reinhoff sagt immer deutlicher, dass es ihn doch erstaune, wie wenig sich Ricke damals in die Angelegenheit vertieft haben will. Einmal sagt Ricke: „Wie soll ich das jetzt ausdrücken, ohne dass das morgen in der Zeitung steht?“ Darauf Reinhoff: „Das schaffen Sie nicht.“ In einem Punkt aber zollt der Richter ihm ausdrücklich Respekt: Ricke ist immerhin zur Vernehmung erschienen. „Es gibt einen, der ist nicht gekommen.“ Damit meint Reinhoff den ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden, Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel. Der hatte vorgezogen, die Aussage zu verweigern. Christoph Driessen (dpa)

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