Erdgas : Engpass im Osten

Die Finanznot des ukrainischen Staatskonzerns Naftogas könnte Gasversorgung in Westeuropa gefährden. Die Regierung beschwichtigt.

Knut Krohn
Naftogas
Die Zentrale des ukrainischen Energiekonzerns Naftogas in Kiew: Dem Unternehmen droht der Bankrott, Westeuropa ein Engpass bei...Foto: AFP

Warschau - Der drohende Bankrott des ukrainischen Energiekonzerns Naftogas könnte die Gasversorgung in Westeuropa gefährden. Denn der staatliche Konzern, der in einer ernsthaften Zahlungskrise steckt, ist auch für den Transport von russischem Erdgas nach Westeuropa zuständig.

Die neue ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko betont jedoch, Unterbrechungen des Erdgas-Nachschubs nach Westeuropa würden auf keinen Fall geduldet. Ungute Erinnerungen an die jüngsten wirtschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und Russland werden trotzdem wach. Im Jahr 2005 hatten sich Kiew und Moskau über Monate über den Gaspreis gestritten. Um den eigenen Forderungen Nachdruck zu verleihen, drehte Gasprom im kalten Januar 2006 dem ehemaligen Bruderstaat kurzerhand den Energiehahn zu. Die Auswirkungen waren auch im Westen zu spüren, wo es kurzfristig zu Unterbrechungen der Zufuhr ukrainischen Gases kam.

Die Krise bei Naftogas war am Donnerstag nach einem Treffen von Timoschenko mit Naftogas-Chef Oleg Dubina bekannt geworden. Der seit rund zwei Wochen amtierende Dubina schätzt den Verlust der Firma im vergangenen Jahr auf rund eine Milliarde Dollar (685 Millionen Euro), doppelt so viel wie im Jahr davor.

Timoschenko ist nun auf der Suche nach den Schuldigen der Krise. „Zweifelhafte kriminelle Strukturen“ hätten den drohenden Bankrott von Naftogas mutwillig herbeigeführt, hatte Timoschenko nach Bekanntgabe der Krise gesagt. Wen sie damit meint, ist kein Geheimnis: die Manager von „Rusukrenergo“. Sie seien für den Verlust verantwortlich. Seit langem ist ihr die in der Schweiz registrierte Firma ein Dorn im Auge, die als Zwischenhändler im Gashandel zwischen Russland, Zentralasien und der Ukraine fungiert. Besitzer sind der russische Energiekonzern Gasprom und zwei zwielichtige ukrainische Geschäftsleute. Auch westliche Beobachter sind der Überzeugung, dass das Unternehmen vor allem dazu diene, einigen wenigen Leuten Einnahmen in Millionenhöhe zu verschaffen. Die Premierministerin vermutet hinter der aktuellen Krise sogar eine weitergehende Strategie. Sie ist überzeugt, dass der Staatskonzern in den Bankrott gestürzt werden solle, damit sich „dubiose Unternehmer“ die Gaspipelines in der Ukraine aneignen könnten. Das werde sie aber nicht zulassen, weshalb die Ukraine für alle Schulden von Naftogas aufkommen werde.

Doch sind die Probleme bei Naftogas auch hausgemacht. Seit langem wird von Experten immer wieder kritisiert, dass die rasant steigenden Energiepreise nicht an die Verbraucher weitergegeben würden. Experten bezweifeln auch jetzt, dass die Regierung Timoschenko mit der „Tradition“ der hoch subventionierten Energiepreise brechen wird. Knut Krohn

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