Wirtschaft : Erdöl: Interview: "Auch ohne den Irak ist die Versorgung gesichert"

Herr Müller[der Irak hat seine Ölliefer]

Friedemann Müller leitet die Forschungsgruppe "Globale Fragen" der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Herr Müller, der Irak hat seine Öllieferungen ausgesetzt, Venezuela musste seine Förderung wegen Streiks zurückfahren. Wie sicher ist die Ölversorgung?

Die Kürzungen können leicht durch Saudi-Arabien ausgeglichen werden. Das Land verfügt über ein Viertel der bekannten Reserven. Solange Saudi-Arabien funktioniert, kann es allein den Ölpreis in der von der Opec angestrebten Spanne von 22 bis 28 Dollar halten. Auch in der nahen Zukunft.

Trotzdem wird die Welt nervös, wenn die Öllieferungen bedroht sind.

Sicher. Beim Golfkrieg gegen den Irak 1991 spielte Öl eine große Rolle. Nicht nur, dass der Irak durch die Besetzung Kuwaits ein Fünftel der weltweiten Reserven kontrollierte. Man hatte auch Sorgen, dass Saudi-Arabien ebenfalls kippen könnte.

Auch ohne Kuwait verfügt der Irak über ein Zehntel der Weltölreserven. Ist das auch ein Grund für den anhaltenden Konflikt zwischen den USA und Saddam Hussein?

Der wird weniger durch das Öl verursacht. Schließlich exportiert der Irak weiter Öl, trotz der zeitweiligen Aussetzung der Lieferungen. Was sollte das Land auch mit dem Rohstoff machen, wenn es ihn nicht verkauft? Ausschlaggebend ist eher die Gefährdung durch mögliche Massenvernichtungswaffen in den Händen Saddam Husseins.

Warum empfindet Europa die Bedrohung weniger stark als die USA?

Die Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zum Risiko als die Europäer, die bis zum Fall der Mauer mit der direkten Bedrohung durch den Ostblock leben mussten. Seit den Anschlägen vom 11. September hat sich dieser Unterschied eher noch verstärkt. Und was den Ölmarkt angeht, der hat schon lange gelernt, mit der unsicheren Versorgung durch den Irak zu leben.

Zeigen die USA heute nur aus Angst vor Saddam Hussein militärisch massiv Präsenz im Persischen Golf?

Der Golf ist die Achillesferse der Weltwirtschaft. Zwei Drittel der Weltölreserven lagern hier. Und der Großteil des Öls wird per Tanker transportiert. Wer den Golf kontrolliert, hat einen großen machtpolitischen Hebel in der Hand. Die USA wollen mit ihrer Präsenz diesen Weg offen halten.

Was würde passieren, wenn in Saudi-Arabien geputscht und die dortige Ölproduktion bedroht würde?

Das wäre der Gau. Die USA würden dann mit Sicherheit militärisch einschreiten. Und da die Ölgebiete auch innerhalb Saudi-Arabiens konzentriert sind, wären sie leicht zu sichern. Die Sorge würde dann allerdings einer Ausweitung des Konflikts auf die ganze Region und die Transport-Routen gelten.

Hinter den Kriegen in Afghanistan und Tschetschenien vermuten viele vor allem einen Grund: Öl. Trifft das zu?

Nein. Die Ölförderung in Tschetschenien selber ist unbedeutend. Sie machte Ende der 80er Jahre nur ein Prozent der russischen Förderung aus und liegt inzwischen bei Null. Die Pipeline durch das Land, die Öl vom Kaspischen Meer Richtung Schwarzmeer transportieren soll, hat zu keinem Zeitpunkt verlässlich funktioniert und ist zudem im Vergleich zu einer weiter nördlich liegenden relativ klein. Insgesamt sind das keine Größenordnungen, die einen so blutigen Krieg verursachen könnten.

Und Afghanistan?

Eigenes Öl hat das Land nicht. Es gibt zwar Pläne für eine Pipeline, die wäre aber vergleichsweise unbedeutend. Wer hier Öl als Kriegsgrund sieht, ist nur einem Klischee aufgesessen.

Seit den 90er Jahren wird verstärkt am Kaspischen Meer nach Öl gebohrt. Könnte diese Region ein Gegengewicht zum Golf bilden?

Dafür sind die Lagerstätten zu klein. Sie machen höchstens ein Zehntel der Reserven der Golfstaaten aus. Der Zugriff darauf hat also wenig machtpolitische Bedeutung. Zudem ist der Transport von dort relativ mühsam. Allerdings ist die Region besonders für Europa wegen der geographischen Nähe interessant und könnte die Abhängigkeit vom arabischen Öl vermindern. Für die USA ist das Öl der Region unwichtig.

Selbst wenn es zu keinen Umstürzen in wichtigen Förderländern kommt, wird es immer weniger Öl geben. Wird es Kriege um den Rohstoff geben?

Nein. Wir haben kein Problem, wenn wir die nicht-konventionellen Ölquellen wie Ölschiefer oder -sande einbeziehen. Bei 50 Dollar je Barrel lohnt sich deren Erschließung. Solch ein Preis wäre auch keine Katastrophe, wenn man bedenkt, dass ein Barrel heute real weniger kostet als noch vor 25 Jahren. Wir haben mehr Öl, als uns gut tut. Bevor das Öl zu Ende geht, haben wir eher eine Öko-Katastrophe durch den Treibhauseffekt.

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