Wirtschaft : Erdöl-Raffinerie Leuna: Ein polnischer Adler fliegt nach Westen

Klaus Bachmann

In Polen gehören deutsche Konzerne inzwischen zu den führenden Investoren, und an der Weichsel wurden von Zeit zu Zeit immer wieder Ängste vor einem "Ausverkauf an Deutschland" laut. Um so überraschender kommt jetzt die Nachricht, dass ein polnischer Konzern 50 Prozent der Leuna-Raffinerie erwerben will und einen Blick auf das Tankstellennetz von Total-Fina-Elf wirft. Doch so überraschend ist das nicht: Polen gehört zu den Staaten mit dem höchsten Wirtschaftswachstum in Europa. Durch die Übernahme werden keine Arbeitsplätze in Gefahr geraten. Sorgenfalten könnte allenfalls die Tatsache auslösen, dass der polnische Investor Orlen weder mit marktwirtschaftlichen Verhältnissen noch mit ausländischen Märkten bisher sonderlich Erfahrung sammeln konnte. Der Konzern erfreute sich bisher immer starker politischer und wirtschaftlicher Protektion und einer monopolähnlichen Stellung, die er noch aus kommunistischen Zeiten herüberretten konnte. Das Geld, das die Polen nun in Ostdeutschland investieren, würde eigentlich zur Modernisierung der polnischen Orlen-Tankstellen benötigt, deren spröder Charme kaum mit den futuristen Neubauten der großen westeuropäischen und amerikanischen Konzerne mithalten kann. Jahrelang verhätschelt und umsorgt von Politikern, denen er als Einflußzone und Spielwiese diente, ist Orlen alles andere als der dynamische, herrische Adler, als der er sich auf seinen Werbeplakaten darstellt. Wahrscheinlich kommt er im rauhen Wind der Konkurrenz mit den großen Mineralölkonzernen schnell ins Trudeln - schneller als manch andere wirklich private Firma in Polen, die den Sprung nach draußen noch nicht wagt.

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