Wirtschaft : „Erfahren, was anliegt“

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Es ist kurz vor Mitternacht, Peter Stark (Name geändert) kommt nach Hause. Den Abend hat er in der Berliner Vertretung eines Bundeslandes verbracht, es gab eine Diskussion über die EUPerspektiven der Türkei. Danach, beim Stehempfang, hat er sich noch mit zwei „wirklich guten Leuten“ unterhalten. Gute Leute sind Abgeordnete, die sich mit Verkehr und Industrie befassen oder aus einem Wahlkreis kommen, in dem Starks Firma ein Werk hat.

Stark arbeitet in Berlin für einen deutschen Autokonzern. Jeden Abend hat er mindestens einen Termin. Dazu zählen „feine Sachen“ in der Oper oder im Schauspielhaus. „Die Abteilung Saus und Braus gehört auch zu meiner Arbeit“, sagt Stark.

Und das Frühstück auch manchmal – etwa bei den Treffen der BDI-Lobbykreise für Verkehr und Umwelt, an denen Stark teilnimmt. Ansonsten ist der Vormittag eher langweilig: Er liest ein halbes Dutzend Zeitungen und alle möglichen Informationen, die aus dem Bundestag kommen. Zum Mittagessen verabredet sich Stark gern in einem Lokal am Gendarmenmarkt: mit Beamten aus den für die Autoindustrie relevanten Ministerien oder mit Abgeordneten. „Von denen erfahre ich, was anliegt.“ Und das funktioniert gut, weil die Beziehung zwischen ihm und den Beamten gut ist. „Es macht nur Sinn, wenn man die Beziehung langsam aufbaut.“ Stark spricht von „einem Geben und Nehmen“. Schließlich seien die Ministerialen auch angewiesen auf die Expertise der Industrie. Und umgekehrt „muss ich wissen, was die aushecken“. Da man sich häufig trifft, „bleibt nicht aus, dass sich auch Freundschaften entwickeln“.

Gegenwärtig interessiert sich Stark für die steuerliche Förderung von Rußpartikelfiltern und den Patentschutz für Autoteile, den die EU-Komission zum Ärger der Konzerne aufweichen will. Dagegen hilft Lobbyarbeit. Etwa so wie vor einigen Jahren, als die Dienstwagensteuer verhindert werden konnte „und wir alle gejubelt haben“, erinnert sich Stark.

In dem für die Autohersteller wichtigen Ministerium sind – außer dem Minister und den Staatssekretären – „mindestens drei Leute wichtig“. Die versucht Stark „spätestens alle zwei Monate “ einmal zu treffen.

Am Nachmittag ist meist Büroarbeit angesagt. Stark telefoniert, organisiert

Veranstaltungen seiner Firma und kümmert sich ums Sponsoring. Oder er sitzt mit 40 Lobbyisten im „Collegium“, in dem sich die Berliner Vertreter der größten deutschen Firmen zusammengeschlossen

haben. Diese Meetings

finden grundsätzlich am Nachmittag statt – damit der Abend frei bleibt für Termine und Empfänge. alf

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