Wirtschaft : Erfahrung getankt

Europas Luftfahrtkonzern EADS hat den Auftrag zum Bau der Tankflugzeuge verloren – und ist in den USA doch stärker denn je

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Annäherungsversuch. Der US-Flugzeugbauer Boeing soll 179 Tanker bauen. Die Animation zeigt das Modell der „Boeing NewGen“ (rechts) beim Betanken einer 737. Illustration: Boeing/dpa
Annäherungsversuch. Der US-Flugzeugbauer Boeing soll 179 Tanker bauen. Die Animation zeigt das Modell der „Boeing NewGen“ (rechts)...Foto: dpa

Berlin - Am Ende schien die Spannung in den USA fast so groß, als ginge es um die Vergabe Olympischer Spiele. Verständlich, wird der größte Rüstungsauftrag der jüngeren Geschichte die Steuerzahler doch ein Vielfaches jeder Sportveranstaltung kosten: 35 Milliarden Dollar, mit Folgeaufträgen vielleicht gar 100 Milliarden. So geriet die Entscheidung darüber, welcher Konzern die 179 Tankflugzeuge für die Air Force bauen darf, zum Medienereignis. Diverse TV-Sender berichteten, auch das Pentagon selbst übertrug seine Kür live aus Washington auf seiner Internetseite: Am Donnerstag um 17.10 Uhr Ortszeit (23.10 Uhr MEZ) sagte der stellvertretende Verteidigungsminister William Lynn schließlich: „Der Auftrag geht an die Boeing Company.“

Einen Wimpernschlag später waren erste Kommentare im weltweiten Netz, verschickt über den Kurzmitteilungsdienst Twitter: „Fu... Obama“, schrieben einige wenig sportlich. Ein Nutzer witterte gar einen teuflischen Pakt zwischen dem US-Präsidenten, seinen Demokraten und dem Milliardär Bill Gates, der ja in der Nordwest-Metropole Seattle lebt, wo auch Boeing sein größtes Werk hat.

Viele Verschwörungstheoretiker outeten sich als Südstaatler oder als Bürger der Stadt Mobile im Bundesstaat Alabama. Denn dort beschäftigt die Nordamerika-Tochter des unterlegenen europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) rund 600 Menschen. Hätte EADS den Zuschlag beim Jahrhundertauftrag erhalten, sollten dort die KC-45 und Fracht-Varianten der Maschine montiert werden. An den 17 Betriebsstätten, die der deutsch-französisch kontrollierte Konzern in den USA betreibt, sollten tausende neue Arbeitsplätze entstehen. Inklusive Stellen bei Zulieferern stellte EADS 48 000 amerikanische Jobs in Aussicht.

Nur darum ist der Ärger über den Zuschlag für Boeing in Alabama am größten. Es gehört allerdings nicht sehr viel Fantasie dazu, sich auszumalen, wie Barack Obama und sein Verteidigungsminister beschimpft worden wären, hätte das Pentagon den Zuschlag nach zehn Jahren Hin und Her doch an die Europäer gegeben. Daran hatte man bei EADS in den vergangenen Monaten auch nicht mehr wirklich geglaubt, wie man aus Unternehmenskreisen hörte.

Trotzdem gab EADS nicht auf, nutzte den langen Bieterkampf und die öffentliche Präsenz, um endlich einen Fuß in den wichtigsten Rüstungsmarkt der Welt zu bekommen. Dabei fuhren die Europäer eine spezielle Strategie: Sie traten in den Staaten amerikanischer auf als der US-Konzern Boeing. Kein Werbespot ohne „Stars and Stripes“, kaum eine Äußerung der Chefs von EADS North America, in dem ein Ausdruck der Liebe zum Land fehlte. So sagte der Chef von EADS North America mit dem gänzlich uneuropäischen Namen Ralph D. Crosby Jr. in einer ersten Reaktion: „Seit sieben Jahren streben wir danach, unseren amerikanischen Soldatinnen und Soldaten mit der KC-45 die besten Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen und durch den Bau des Tankers in den USA amerikanische Arbeitsplätze zu schaffen. Diesen Zielen bleiben wir treu.“

Das bedeutet nicht, dass EADS in jedem Fall Einspruch gegen die Entscheidung erheben wird. Kaum ein Beobachter glaubt, dass der erneut Chancen auf Erfolg hätte. Wie es wirklich für Europas halbstaatlichen Rüstungskonzern in den USA weitergehen könnte, deutete Tom Enders, Chef der EADS-Tochter Airbus, am Freitagnachmittag an: Man habe Boeing in einem harten Kampf zu einem sehr niedrigen Angebotspreis gezwungen, sagte er. „Ich denke auch, dass man im Pentagon die hohe Professionalität unserer Arbeit und unseres Angebots zu schätzen weiß. Das ist keine schlechte Ausgangsbasis für künftige Bieterverfahren in den USA, in denen wir wieder mit überlegenen Produkten antreten können.“

Das zunehmend unter Sparzwang stehende Verteidigungsministerium dürfte also EADS’ Funktion als Kostendrücker in dem Bieterverfahren geschätzt haben und könnte den Boeing-Rivalen bei künftigen – vielleicht unspektakuläreren, dafür noch lukrativeren – Ausschreibungen zum Zuge kommen lassen.

Insofern könnte Bundeskanzlerin Angela Merkels erste Reaktion von Freitag, hier sei „eine Möglichkeit verpasst worden, die transatlantische Partnerschaft zwischen den USA und Europa noch zu vertiefen“, in die Irre führen. Denn wahrscheinlich steht EADS in den USA nun mittelfristig besser da als vor der negativen Entscheidung. Dieser Gedanke könnte auch eine Rolle spielen, wenn die Bundesregeirung entscheidet, ob die staatseigene KfW selbst Anteile an EADS übernimmt – oder lieber nicht.

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