Wirtschaft : Erfinder aus Fernost

Chinesische Firmen wollen mehr eigene Produkte entwickeln – und nicht länger nur Nachahmer sein

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Von Alex Ortolani In den bescheidenen Büroräumen der Netac Technology Corp. bewahrt Geschäftsführer Frank Deng die Kopie eines Patentes, das seinem Unternehmen in den USA erteilt wurde, in einer Schreibtischschublade auf. „Ich möchte es immer zur Hand haben, für den Fall, dass es jemand sehen will“, sagt er über das Patent, bei dem es um kleine Laufwerke zum Speichern von Computerdaten geht. Das im Besitz von nur wenigen Aktionären stehende Netac ist eines von zahlreichen TechnologieUnternehmen in Shenzhen und ganz China, die sich jetzt verstärkt für Patente interessieren.

Immer mehr Unternehmen im Land versuchen, Produkte zu entwickeln, statt nur billig Produkte herzustellen, die in anderen Ländern entwickelt wurden. Deshalb wetteifern die Chinesen um Patente wie nie zu vor. Manche lassen sich dabei sogar auf Patentstreitigkeiten mit multinationalen Konzernen wie Sony oder Intel ein. Die Patentanmeldungen aus China, die bei der UN-Organisation World Intellectual Property Organisation (WIPO) eingehen, die erste Anlaufstelle für mehr als 126 Länder ist, sind im Jahr 2004 um 38 Prozent auf 1782 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Die Zahl der Anträge aus China ist dabei noch relativ gering – 41870 Anträge kamen im gleichen Jahr aus den USA. Und die Anmeldungen sind noch kein Beweis für Innovation: Weil die Patenterteilung territorial beschränkt erfolgt, werden manche Anträge für Technologien gestellt, die in anderen Ländern vielleicht bereits patentiert sind.

Aber die steigenden Zahlen zeigen, dass die chinesischen Unternehmen aggressiver werden, was ihr geistiges Eigentum angeht. Dabei kostet ein Antrag Zeit und Geld: Die durchschnittliche Gebühr für eine Patentanmeldung bei der WIPO beträgt 1250 Schweizer Franken (806 Euro). „Das Bewusstsein für geistiges Eigentum ist relativ neu in China“, sagt Francis Gurry von der WIPO. „Aber dieses Bewusstsein breitet sich aus und die Chinesen versuchen, ihre Technologie zu schützen.“

Werbung für die lokale Technologie und die Innovationen haben in China nun absolute Priorität. So sind zum Beispiel in der Provinz Guangdong Gewinne, die durch patentierte Produkte erzielt werden, fünf Jahre lang von der Körperschaftssteuer für Unternehmen ausgenommen. Der Einsatz der Zentralregierung, die solche Bemühungen unterstützt, wurde unter anderem durch den zunehmenden ausländischen Wettbewerb veranlasst.

Nach seinem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 musste China sein Patentanmeldungs-Verfahren reformieren. Als die Tore erst einmal für ausländische Investoren geöffnet worden seien, habe Peking natürlich Interesse daran gehabt, dass seine eigenen Firmen möglichst oft und schnell Patente anmeldeten, sagt Li Yahong, Rechtsprofessorin an der Universität Hongkong. Doch auch wenn die chinesischen Unternehmen statistisch gesehen mehr Patente anmelden, „heißt das noch lange nicht, dass China innovativer wird“, sagt Anne Stevenson-Yang, Generaldirektorin des US-amerikanischen Information Technology Office in Peking, einer Handelsgruppe, die mehr als 6000 amerikanische Hightech-Unternehmen in China repräsentiert. Sie sagt, der wahre Test für Innovation sei, wie viele chinesische Unternehmen mit der neuen Technologie und nicht durch Preiswettbewerb Geld machten. „Wenn man die chinesischen Unternehmen betrachtet, die im weltweiten Wettbewerb stehen, konkurrieren die allermeisten doch durch Preise“, sagt sie.

Das ist bei Netac anders, sagt Geschäftsführer Deng. Netac sei zu klein, um sich große Volkswirtschaften zunutze zu machen und alleine auf der Preisebene zu konkurrieren; deshalb vertraue das Unternehmen auf seine Innovationsfähigkeit. Die Firma, die auf die Entwicklung von kleinen Speichergeräten für Computerdaten spezialisiert ist, verklagt die zu Sony gehörende Sony Electronics Ltd. in Wuxi vor einem Gericht in Shenzhen. Netac behauptet, Sonys Vertrieb von Speicherlaufwerken von einer Fabrik in Wuxi aus sei ein Verstoß gegen das Patentrecht von Netac und deshalb illegal. Das Unternehmen verklagt Sony auf Unterlassung und Schadensersatz in Höhe von 1,2 Millionen US-Dollar. „Wir sind zuversichtlich, dass wir gewinnen werden“, sagt Deng. Sony sagt, es sei von dem Rechtsstreit „enttäuscht“ und prüfe die Vorwürfe.

Texte übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Bush), Svenja Weidenfeld (China), Christian Frobenius (Irak) und Karen Wientgen (Simbabwe).

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