Wirtschaft : Erfolg durch Konzentration auf das Kerngeschäft

ANDREAS FROST

Eine Stunde nach dem Kombinatsaustritt der Schweriner Kabelwerke lag das Übernahmeangebot von der Siemens AG auf dem TischVON ANDREAS FROST

Im September 1992 mußten die damals rund 1000 Siemens-Mitarbeiter in Schwerin das Kabelwerk besonders herausputzen.Bundeskanzler Helmut Kohl wollte mit seinem Besuch die Investitionen des Elektrokonzerns in den neuen Bundesländern würdigen.Rund 150 Mill.DM hat die Siemens AG inzwischen in ihren Standort in der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns gesteckt.Der Kanzler besichtigte die neue Fertigungsstraße für Installationskabel, klönte mit Lehrlingen beim Mittagessen und entschwand nach drei Stunden wieder mit dem Hubschrauber.Im Kabelwerk ist natürlich wieder längst der Alltag eingekehrt.Inzwischen kommen 20 Prozent der Installationskabel und -leitungen für Gebäude für den deutschen Markt aus Schwerin.Das sind rund 240.000 Kilometer, so Standortleiter Manfred Tinodi.Tinodi gehört seit 30 Jahren zum Betrieb.1990 hatte der studierte Maschinenbauingenieur es zum Abteilungsleiter Instandhaltung gebracht.Tinodis Vorgänger als Werkschef, der 1992 als Siemens-Geschäftsführer Kanzler Kohl durch den Betrieb führte, war früher Mitglied der SED-Bezirksleitung.Schließlich zählte das Werk zu den wichtigsten in der Region.Das Kabelwerk Schwerin wurde 1960 im Rahmen der Industrialisierungsbemühungen für den Norden der DDR auf dem früheren Geländer der Heinkel-Flugzeugreparaturwerke in Sacktannen am westlichen Stadtrand von Schwerin aufgebaut.Sieben Jahre lang gehörte es als Betriebsteil zum Kabelwerk Oberspree und war dann ab 1967 ein eigenes Kombinat.Vier Jahre später mauserte es sich bereits zum zweitgrößten unter den 13 Kabelwerken der DDR.Anfangs produzierte das Werk Installationskabel für den Bau.Später kamen papierisolierte Telefonkabel und vor allem Schiffskabel hinzu, die mit ihren besonderen Anforderungen an Vibrationsresistenz und Abschirmung innerhalb der DDR nur in Schwerin gefertigt wurden.Aber auch spezielle Aluminiumkabel für Energieverbundnetze produzierte das Werk.Schließlich war Kupfer nur gegen rare Devisen auf dem Weltmarkt zu bekommen, Aluminium gab es preiswerter in Ungarn."In Spitzenzeiten haben wir 60 Prozent der Produktion exportiert", berichtet Tinodi.Kabel aus Schwerin gingen in die Staaten des Warschauer Paktes, nach Skandinavien, Nordafrika, Arabien und auch nach Westeuropa.Tinodi sagt mit gewissem Stolz: "Unsere technische Ausrüstung war Weltstandard." Sie wurde mit Devisen vor allem in der Bundesrepublik gekauft.Bei der Privatisierung des Kabelwerks Schwerin hatte Siemens gewisse Vorteile.Schon vor der Wende arbeiteten beide zusammen."Seit 1988 gab es einen Vertrag, wonach wir eine Fertigungsstraße für Installationskabel von Siemens kaufen und Siemens bei uns Mantelleitungen", berichtet Tinodi.Bereits auf der Frühjahrsmesse in Leipzig 1990 trat das Kabelwerk aus dem Kombinat aus."Eine Stunde später lag eine Absichtserklärung der Siemens AG für die Übernahme des Werkes auf dem Tisch", so der Standortleiter.Damit klappte es jedoch erst 18 Monate später.Die Treuhandanstalt konnte über längere Zeit nicht regeln, ob die Zentrale in Berlin oder die Bezirksdirektion in Schwerin für das Kabelwerk zuständig war.Von der Betriebsleitung "und auf einer Belegschaftsversammlung mit deutlicher Mehrheit gebilligt", so Tinodi, wurde das Werk Mitte 1991 eine Siemens GmbH, im Oktober 1992 verschmolz es mit der Siemens AG.Man habe sich "auf das Kerngeschäft konzentriert", sagt der Standortleiter Tinodi.Neben Installationskabeln und -leitungen werden in Schwerin vor allem Mittelspannungskabel produziert.Nach einigen Querelen innerhalb des Konzerns wurden 1996 bei letzteren die sogenannten Standardprodukte in Mecklenburg konzentriert, während das Berliner Siemens Werk in diesem Bereich für Spezialaufträge und Sonderanfertigungen vor allem für den Export zuständig sei.Zu DDR-Zeiten verarbeitete das Schweriner Kabelwerk 20.000 Tonnen Kupfer und Aluminium.1996 waren es 39.000 Tonnen, wobei der Kupferanteil stark gestiegen ist.Trotz dieser Steigerung konnte der Betrieb nicht wie noch 1992 geplant rund 1000 der früher 2230 Mitarbeiter halten.Tinodi: "Nach der Wende hofften wir auf den enormen Leitungsbedarf im Wohnungsbau, bei der Post und bei der Sanierung des DDR-Freileitungsnetzes." Doch die Prognosen trafen nicht alle zu.Einerseits brach auch für das Schweriner Kabelwerk der Markt in Osteuropa weg.Das DDR-Netz war nicht so marode wie angenommen und durch die sinkende Industrieproduktion in den neuen Bundesländern sank auch die Nachfrage nach Leitungen.Heute arbeiten 593 Kabelwerker und 72 Auszubildende in Schwerin.Der Betrieb ist größter industrielle Arbeitgeber der Stadt.Laut Tinodi ist der Arbeitsplatzabbau vorerst beendet.Aber expandieren werde das Werk auch nicht.Dem Standortleiter schwebt dafür ein Industriepark am Rande Schwerins vor.Einige Zulieferer haben sich bereits vor Ort eingemietet.

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