Wirtschaft : Erfolg nur mit dem richtigen Riecher und gesundem Menschenverstand

Patrick Welter,Vanessa Liertz

1998 war ein ganz besonderes Jahr für die Ökonomen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute. Die Gemeinschaftsprognose vom Herbst 1997, dass die deutsche Wirtschaft um 2,8 Prozent wachsen würde, trat exakt ein. Zuletzt war das 1981 der Fall gewesen, als die Wirtschaft stagnierte. Gefreut haben sich die Forscher jedoch nicht; das Ereignis ist ihnen gerade mal ein leises Lächeln wert. Denn so weit geht ihr Ehrgeiz nicht, das Wachstum bis auf die Stelle hinter dem Komma prognostizieren zu wollen.

Der Trend muss stimmen

"Punktprognosen sind reine Glücksache", sagt Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Sein Kollege Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin wertet die Stellen hinter dem Komma, also die Unterschiede zwischen 2,4 oder 2,8 ProzentWirtschaftswachstum, salopp als "Scheingenauigkeit" ab. Und Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gibt Wachstumsprognosen von vorneherein eine Spanne von zwei Zehntel Prozentpunkten nach oben und unten mit auf den Weg. Knapp verfehlt ist deshalb noch nicht daneben. Horn und Scheide sehen die Qualität einer Konjunkturprognose denn auch in anderem, in der Fähigkeit, den Trend des wirtschaftlichen Wachstums und vor allem Wendepunkte der Konjunktur zu ermitteln. "Wichtig ist zu wissen, ob die Konjunktur kippen wird, oder ob wir aus einer Rezession herauskommen", meint Scheide. Da liegen die großen Wirtschaftsforschungsinstitute in der Regel gar nicht so schlecht, trotz aller Unterschiede im Detail, wenn es etwa um die Frage geht, ob ein Aufschwung schon im ersten oder erst im zweiten Quartal einsetzt.

Als sich etwa nach der Russlandkrise im vergangenen Spätsommer der Konjunkturhimmel verdüsterte, Politik und Öffentlichkeit über Deflationsgefahren und eine weltweite Rezession räsonierten, wollten die Institute nur von einer vorübergehenden Konjunkturdelle sprechen. Es sieht so aus, als ob sie Recht behalten haben. Auch die Prognosen des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), der heute sein Jahresgutachten vorlegen wird, können sich bei der Bestimmung des Trends in den letzten 24 Jahren sehen lassen. Und weil dies wichtiger als Punktgenauigkeit ist, heißt es beim SVR oft genug: "Das Wachstum wird um 2 3/4 Prozent zulegen." Nur der Eingeweihte weiß: 2 3/4 Prozent sind nicht unbedingt 2,75 Prozent. Zum Ausdruck soll damit gebracht werden, dass zwischen 2,5 und drei Prozent Wachstum alles möglich ist.

Nicht nur wegen dieser kalkulierten Vagheit haben die "fünf Weisen" mit ihren Prognosen bis auf wenige Ausrutscher im Großen und Ganzen getroffen - trotz aller Schwierigkeiten. Und davon gibt es genug: Da sind die Daten der amtlichen Statistik, die im Nachhinein immer wieder revidiert werden - und damit auch die Prognosen aktualisierungsbedürftig machen. Wenn im Oktober und November die Prognosen für das kommende Jahr erstellt werden, ist noch nicht exakt bekannt, wie sich zum Beispiel der private Verbrauch im zweiten Halbjahr entwickelt hat.

Auch gesunder Menschenverstand zählt

IWH-Forscher Ludwig spricht von bis zu 0,5 Prozentpunkten Abweichungen bei der Entwicklung solcher Einzelindikatoren, die sich im Laufe eines Jahres durch Korrekturen der Statistik ergeben. Für das gesamte Bruttoinlandsprodukt könnten sich allein dadurch Abweichungen von zwei oder drei Zehnteln ergeben.

Schon daran zeigt sich, dass eine gute Prognose nicht nur die Fähigkeiten der Forscher fordert, mit ihrem ökonomischen Instrumentarium umzugehen, sondern auch ihren gesunden Menschenverstand: Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung sind eine Mischung aus Kunst und Wissenschaft. Konjunkturforscher müssen auch mit ihren Annahmen richtig liegen. Wird die Bundesregierung ein großes Steuerpaket beschließen oder nicht? Wie entwickelt sich der Wechselkurs? Wer da irrt, liegt hoffnungslos daneben. So etwa 1995, als alle Konjunkturforscher einen Aufschwung in Deutschland prognostizierten, der mit einem Wachstumseinbruch auf 1,2 Prozent ausblieb. Damals führte die Mexikokrise urplötzlich zu einer Schwächung des Dollars, der die deutschen Exporte in Mitleidenschaft zog. Auch konnte im Jahr 1994 noch niemand ahnen, erklärt Scheide, "dass die Lohnrunde im kommenden Jahr aus dem Ruder lief". Gerade die Weltwirtschaft und die Wechselkurse machen den Forschern häufig einen Strich durch die Rechnung. Wolfgang Nierhaus vom Münchener Ifo-Institut fürchtet deshalb, dass die Experten künftig häufiger irren werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar