Ergo und Generali trennen sich von Verträgen : Was Besitzern von Lebensversicherungen blüht

Versicherungskonzerne verkaufen massenhaft Lebensversicherungen an Investoren. Die profitieren nur, wenn Kunden am Ende möglichst wenig Geld bekommen.

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Blick auf die Konzernzentrale von Ergo in Düsseldorf.
Blick auf die Konzernzentrale von Ergo in Düsseldorf.Foto: dpa

Früher waren es eher kleinere Geschäfte. Doch seit dieser Woche ist das anders: Der Ausverkauf der Lebensversicherungsbestände nimmt ein atemberaubendes Tempo an. Erst kündigte die Ergo-Versicherung an, dass sie sich von sechs Millionen alten Lebensversicherungsverträgen trennen will, einen Tag später folgte die Generali. Der zweitgrößte Erstversicherer in Deutschland sucht einen Käufer für vier Millionen Lebensversicherungen. Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten, spricht von einem „Erdbeben in der deutschen Versicherungslandschaft“.

Zehn Millionen Verträge ehemals renommierter Marken sind betroffen. Bei der Ergo sind es die Hamburg-Mannheimer und die Victoria, die ihre Kunden einst mit hohen Überschussbeteiligungen lockten. Viele Verträge stammen zudem aus der Zeit, in der Versicherungsnehmer mit hohen lebenslangen Garantieverzinsungen von 3,25 bis vier Prozent rechnen konnten. Angesichts der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wird es für die Versicherer aber immer schwerer, diese Zinsen zu erwirtschaften. Hinzu kommen neue Aufsichtsvorschriften (Solvency II), die den Unternehmen für Zinsgarantien viel Eigenkapital vorschreiben.

Kleinere Versicherer haben aus dem Dilemma bereits Konsequenzen gezogen. Die Arag und die Basler Leben haben ihr Lebensversicherungsgeschäft an die „Frankfurter Leben“ verkauft, die vom chinesischen Investor Fosun und der BHF-Bank gegründet worden ist. Auf dem Markt tummeln sich weitere Investoren wie der US-Aufkäufer Athene oder der Finanzinvestor Cinven. Auch für die 40 Milliarden Euro schweren Verträge der Generali gibt es Interesse, sagt Deutschland-Chef Giovanni Liverani. Generali erhofft sich Einnahmen von 900 Millionen Euro für das Portfolio.

Wo bleiben die Überschüsse?

Für die Ergo interessieren sich angeblich chinesische Investoren, US-Hedgefonds und britische Anleger. Experten schätzen den Kaufpreis hier auf über eine Milliarde Euro. Die Investoren wollen mit dem „Ballast“ gute Geschäfte machen. Dank besserer IT-Systeme, in denen sie Hunderte Tarife automatisch bearbeiten können, versprechen sie sich Vorteile. Sie glauben, die Bestände billiger verwalten zu können und da noch einen Schnitt zu machen, wo die etablierten Versicherer aufgeben. Lars Gatschke, Versicherungsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV), hält das nicht für abwegig. Wenn die Aufkäufer größere Bestände zusammenfassen, könne das Synergien bringen und den Versicherungskunden zugute kommen, sagte der Verbraucherschützer dem Tagesspiegel.

Für die Lebensversicherungskunden der Ergo und Generali sieht Gatschke derzeit keine Gefahr durch den angekündigten Verkauf ihrer Verträge. „Die Finanzaufsicht Bafin muss das genehmigen“, gibt der Versicherungsexperte zu bedenken. Nach jetzigem Stand werde kein Verbraucher durch die Neuordnung benachteiligt. Die Käufer müssen die versprochenen Garantien zahlen und stehen auch dafür gerade, die bereits zugesicherten Überschussbeteiligungen zu erfüllen. Kunden sollten daher nicht in Panik verfallen, betonte Gatschke. „Wir schauen sehr genau hin“, teilte ein Bafin-Sprecher auf Tagesspiegel-Anfrage mit. „Wir müssen der Übertragung aktiv zustimmen.“ Im Gegensatz zu den Kunden, die nicht gefragt werden.

Axel Kleinlein ist dagegen weniger optimistisch als Lars Gatschke. „Wenn ein Investor diese Bestände kauft, dann tut er das mit dem Ziel, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften“, gibt der Verbandsvertreter zu bedenken. Das gehe aber nur, „wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt.“

Was sollen die Kunden tun?

Betroffene haben grundsätzlich drei Möglichkeiten: Sie können den Vertrag kündigen, was allerdings häufig mit finanziellen Nachteilen verbunden ist. Sie können ihn beitragsfrei stellen, das heißt der Vertrag ruht. Oder sie können ihn normal weiterlaufen lassen. Um zu entscheiden, was die beste Variante ist, müssen viele Faktoren berücksichtigt werden – die Laufzeit, die Höhe der Garantieverzinsung, die wirtschaftlichen und steuerlichen Verhältnisse des Kunden. Sinnvoll ist daher, sich individuell beraten zu lassen – etwa bei einer Verbraucherzentrale.

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