Erhöhtes Armutsrisiko : Prekäre Lage

Der Anteil der geringfügig Beschäftigten in Deutschland steigt auf 22,2 Prozent. Ein hohes Armutsrisiko herrscht vor allem bei Minijobbern.

Alfons Frese,Rolf Obertreis
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Arm trotz Arbeit. Vor allem in Dienstleistungsberufen arbeiten viele Teilzeitkräfte, Leiharbeitnehmer und Minijobber. Die Löhne...

Immer mehr Arbeitnehmer können von ihrem Lohn nicht gut leben. Der Grund: Der Anteil der Beschäftigten mit Teilzeitjobs, Zeitarbeit, geringfügig oder befristeter Arbeit ist auf mittlerweile 22,2 Prozent gestiegen. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Frankfurt am Main weiter mitteilte, hatten im vergangenen Jahr noch 66 Prozent aller Erwerbstätigen einen unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag mit mehr als 20 Stunden pro Woche. Zehn Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 72,6 Prozent. Der Anteil der minderwertigen Beschäftigungsformen erhöhte sich derweil um sechs Prozent von 16,2 auf 22,2 Prozent. Insgesamt befanden sich im vergangenen Jahr damit 7,7 Millionen Menschen in atypischer Beschäftigung. Die größte Gruppe waren mit 4,9 Millionen Teilzeitbeschäftigte. Den kleinsten Anteil hatte die Zeitarbeitsbranche mit 610 000 Beschäftigten.

Der DGB nutzte die Zahlen zu einem Appell an die Politik, einen Mindestlohn von 7,50 Euro einzuführen. Dass immer mehr Menschen von ihrer eigenen Arbeit nicht leben können, „muss die Parteien endlich wachrütteln“, meinte der Gewerkschaftsbund in einer Stellungnahme zu den Statistiken. Bedenklich sei vor allem auch die Zunahme prekärer Beschäftigung im letzten Aufschwung zwischen 2005 und 2008. „Arbeitslose dürfen nicht länger gezwungen werden, zu Armutslöhnen zu arbeiten“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach in Berlin und plädierte für eine Entschärfung der Zumutbarkeitsregeln. Auch das „staatlich geförderte Lohndumping durch Hartz IV, die Deregulierung der Leiharbeit und Kombilöhne muss endlich gestoppt werden“.

Davor warnten wiederum die Arbeitgeber. „Ein ausgewogener Mix aus verschiedenen Erwerbsformen führt nachweislich zu mehr Chancen für alle“, meinte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Auch durch die Ausweitung des Billiglohnbereichs hätten Ende 2008 mit gut 40 Millionen Beschäftigten „mehr Menschen in Deutschland einen Job gehabt als je zuvor“. „Dank der flexiblen Beschäftigungsformen wie der Zeitarbeit haben viele Menschen mit geringer Qualifikation über eine einfache, entsprechend geringer entlohnte Tätigkeit den Einstieg in Arbeit geschafft“, argumentierte die BDA in einer Stellungnahme.

Wie das Statistische Bundesamt weiter ermittelte, verdienen die sogenannten atypisch Beschäftigten weniger als Festangestellte. Im Oktober 2006 lag der durchschnittliche Bruttostundenlohn von normal Beschäftigten, so die Statistiker, bei 18,04 Euro, bei atypisch Beschäftigten aber nur bei 11,98 Euro. Zeitarbeitnehmer mussten sich sogar mit 9,71 Euro begnügen, Minijobber mit 8,98 Euro. Fast jeder zweite geringfügig Beschäftigte habe unter der Niedriglohngrenze von 9,85 Euro gelegen, bei den Zeitarbeitnehmern waren es sogar gut 67 Prozent. An diesen Relationen hat sich nach Angaben der Bundesstatistiker auch in den letzten beiden Jahren wenig geändert. Ausschlaggebend für diese Unterschiede sind nach Einschätzung des Amtes unter anderem die Qualifikation der Beschäftigten, die Branchenzugehörigkeit sowie die Berufserfahrung.

Bei den atypisch Beschäftigten ist auch das Armutsrisiko erheblich höher als bei fest angestellten Erwerbstätigen. Bei nur 3,2 Prozent bestand 2008 die Gefahr, unter die Armutsschwelle zu rutschen, bei atypisch Beschäftigten waren es dagegen 14,3 Prozent. Besonders hoch war das Risiko bei Minijobbern mit 23,2 Prozent. Bei Zeitarbeitnehmern lag die Quote bei 8,5 Prozent. Männer haben der Studie zufolge ein höheres Armutsrisiko als Frauen, weil sie seltener mit einem Normalverdiener zusammenleben.

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