Wirtschaft : Erholung am Arbeitsmarkt nicht in Sicht

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Berlin (brö/ay/HB). Ein Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt lässt weiter auf sich warten. Im Juni stieg die um Saisoneinflüsse bereinigte Arbeitslosenzahl um 39000 auf 4,092 Millionen Menschen, teilte die Bundesanstalt für Arbeit am Dienstag in Nürnberg mit. Zweieinhalb Monate vor der Bundestagswahl verschlechterte sich die Lage vor allem in den neuen Bundesländern, dort nahm die Zahl der Jobsuchenden um 26 000 zu. Eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt erwartet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) erst im kommenden Jahr. Der nun beginnende Aufschwung dürfte aber schon im ersten Halbjahr 2003 wieder erlahmen, befürchten die Fachleute.

Unbereinigt stieg die Arbeitslosenzahl in Deutschland auf 3,954 Millionen, das war der höchste Juni-Stand seit vier Jahren. 260 000 Menschen mehr als vor einem Jahr hatten keine Arbeit. Die Quote der Erwerbslosen liegt nun bei 9,5 Prozent, 0,6 Punkte höher als vor einem Jahr. Schlecht war die Entwicklung vor allem in Ostdeutschland, dort stieg die Arbeitslosigkeit auf die höchsten Juni-Zahlen seit der Wiedervereinigung. Nach den Worten des Vorsitzenden der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, entwickeln sich der west- und der ostdeutsche Arbeitsmarkt weiter auseinander. Im Osten war die Arbeitslosenquote mit 17,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Westen mit 7,8 Prozent. Problematisch ist auch der Arbeitsmarkt für junge Menschen unter 25 Jahren. 21 Prozent mehr als vor einem Jahr suchten im Juni eine Stelle, insgesamt sind 494900 ohne Job. Gerster appellierte an die Unternehmen, über Bedarf auszubilden.

Weiterhin angespannt ist auch die Arbeitsmarkt-Lage in Berlin und Brandenburg. Die Quote der Erwerbslosen lag unverändert bei 16,9 Prozent, nur 241 mehr Menschen als vor einem Jahr hatten einen Job.

Entspannung erst zum Jahresende

In den vergangenen Jahren habe es im Monat Juni stets eine nennenswerte Entspannung gegeben, sagte Gerster. Bessern werde sich die Lage im vierten Quartal dieses Jahres. Nach einer Stagnation im Sommer würden im Herbst immer mehr Menschen Arbeit finden. Es sei „nicht bestreitbar“, dass die Arbeitslosigkeit im Jahresschnitt der Marke von vier Millionen nahe kommen werde. Für eine Wende reiche es nicht, die Vermittlung durch die Arbeitsämter zu verbessern. „Da muss in der deutschen Wirtschaft und in der Wirtschaftspolitik noch einiges geschehen“, sagte Gerster.

Die günstigere Konjunkturlage wird indes nach Einschätzung des DIW den Arbeitsmarkt nur kurz entlasten. Zwar werde bis zum Jahresende das Wachstum anziehen. 2003 werde das Bruttoinlandsprodukt dennoch um nicht mehr als 2,0 Prozent zulegen. „Der Aufschwung kommt, aber er bleibt nicht lange“, sagte DIW-Konjunkturchef Gustav Horn. Bereits Anfang kommenden Jahres werde sich der Aufschwung verlangsamen. 2002 reiche es nur zu einem Plus von 0,6 Prozent. Im Frühjahr hatten die renommierten Institute noch ein Wachstum von 0,9 Prozent prognostiziert.

Für den Arbeitsmarkt sehen die DIW-Forscher keine Wende, dazu sei ein stärkeres Wachstum erforderlich. Der Jahresschnitt werde um 150 000 auf 4,2 Millionen Erwerbslose wachsen. Von den Reformideen der Hartz-Kommission solle man nicht zuviel erwarten, sagte Horn. Eine Halbierung der Arbeitslosigkeit allein durch eine bessere Vermittlung sei kaum zu schaffen.

Getragen wird dem DIW zufolge der Aufschwung hier zu Lande vor allem von der US-Wirtschaft, die wieder eine starke Dynamik verzeichne. In Deutschland gebe es zudem ein gutes Umfeld für einen höheren Privatverbrauch, da die Inflation gering und die jüngsten Tarifabschlüsse hoch ausgefallen seien. Gebremst wird dem DIW zufolge die Wirtschaft vom erstarkten Euro, der einen Exportboom verhindere.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet erst im kommenden Jahr mit einer Entspannung am Arbeitsmarkt. 2002 werde die Arbeitslosigkeit international noch deutlich steigen, schreibt die OECD in ihrem aktuellen Arbeitsmarktbericht. Schuldig an der desolaten Entwicklung des Arbeitsmarktes sei die langsame wirtschaftliche Erholung in den meisten europäischen Staaten, die dem Aufschwung in den USA und Asien um rund ein halbes Jahr hinterherhinkt. Deshalb kommt es in den 30 OECD-Mitgliedstaaten – das sind quasi alle Industriestaaten der Welt – 2002 zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahl um 2,7 Millionen auf 35,6 Millionen, 2003 werden es dann nur noch 34,9 Millionen sein.

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