Wirtschaft : Ericsson: Die Krise schadet dem Paten

Almar Latour

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein und dieselbe Person Aufsichtsratschef von Microsoft, General Motors und Citigroup wird, ist gleich null. Lars Ramqvist hat in Schweden dennoch Vergleichbares erreicht: Seit 1998 ist der 62-jährige Präsident des Telekommunikationskonzerns Ericsson, dem größten Unternehmen Schwedens, von Volvo und Skandia. Derzeit kämpft der Mann - in schwedischen Unternehmenskreisen als "der Pate" bekannt - allerdings um seinen Ruf, vielleicht sogar um seinen Job und um die Sanierung des krisengeschüttelten Ericsson-Konzerns.

Der letzte Schlag traf den Konzern vorletzten Freitag, nachdem für das erste Quartal Verluste von 4,9 Milliarden Kronen (rund 537,7 Millionen Euro) und erhebliche Stellenstreichungen bekanntgegeben wurden. Ein dreiköpfiger Krisenausschuss soll Ramqvist und andere Führungskräfte im Blick behalten, die sich offensichtlich mit der Unternehmensrestrukturierung der einst so erfolgreichen Handy-Sparte schwer tun. Der Anteil am Handy-Markt fiel bereits im ersten Quartal auf sieben bis acht Prozent von 16 Prozent vor zwei Jahren. Eine der Ursachen: Fehlgeschlagene Modellpolitik. Die Ericsson-Aktie stürzte vom Vorjahreshoch von 231 Kronen um 76 Prozent auf 55 Kronen.

Die Rufe nach Ramqvists Abgang werden immer lauter. Der Pate dagegen will davon nichts wissen. Ramqvist ist fest entschlossen, Ericsson durch Kostensenkungen, Entlassungen, Ausgliederung der Handy-Fertigung und Ausbau der Netzwerk- und Systemtechnik wieder auf den Weg zu bringen. Mit Sony will Ericsson ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, das für die Produktion und die Vermarktung der Mobiltelefone verantwortlich sein wird. "Wir werden unsere Probleme in den Griff kriegen," versichert Ramqvist. Das wird kein Kinderspiel. Die weltweite wirtschaftliche Flaute könnte sich durchaus auf Ericssons Netzwerk- und Systemtechnik auswirken. Dieser Bereich hat lange Zeit die steigenden Verluste der Handy-Sparte ausgeglichen. Doch haben viele Telekomgesellschaften nach notwendiger Expansion mit Schulden zu kämpfen, was sich durch Etatkürzungen im Bereich entsprechender Systeme bemerkbar macht.

Niemand hätte es für wahrscheinlich gehalten, dass Ramqvist sich in einer solchen Lage wiederfinden könnte. Trotz seiner schroffen Art machte ihn sein Ruf als Ericsson-CEO für Aktionäre unwiderstehlich, so dass sowohl Volvo als auch Skandia Ramqvist zum Vorsitzenden ihres angesehenen Aufsichtsrates machten. Diese Art der Ämterhäufung ist in Schweden keine Seltenheit, aber niemand hält eine ähnlich einflussreiche Position wie Ramqvist.

Ramqvist fing 1980 als Leiter der Lizenz- und Entwicklungsabteilung bei Ericsson an und kletterte alsbald die Karriereleiter bis zum CEO hoch. Auch damals stand er vor schwierigen Aufgaben. Der Showdown zum Golfkrieg hatte begonnen, die Weltwirtschaft kam ins Rutschen und Ericssons Umsätze waren im Keller. Aber statt die Kosten zu senken, erklärte Ramqvist den Anlegern, dass der Konzern dringend in die Forschung und Entwicklung investieren müsse, um sich auf die Ära einer neuen Technologie vorzubereiten - das Mobiltelefon.

Während der finnische Konkurrent Nokia Mitte der 90er Jahre Probleme hatte, der steigenden Handy-Nachfrage nachzukommen, schossen Ericssons Verkaufszahlen in die Höhe. Ramqvist wurde zum meistgefeierten Helden Schwedens. Im Jahre 1998 entschied er sich, kürzer zu treten. Ramqvist trat als Konzernchef von Ericsson zurück und wurde Präsident. Im selben Jahr kam es zwischen der schwedischen Regierung und Ramqvist zum Eklat über die Einkommenssteuer mit einem Spitzensteuersatz von 57 Prozent. Ramqvist kritisierte sie als eine Bedrohung für die schwedische Wirtschaft. Um seinem Standpunkt mehr Gewicht zu verleihen, drohte er mit der Verlegung des Firmensitzes nach London. Doch gerade Sven-Christer Nilsson, der Mann, den Ramqvist zu seinem Nachfolger als Konzernchef gemacht hatte, stellte sich gegen das Projekt und es folgte ein heftiger Streit. Seitdem haben Ramqvist und Nilsson kaum ein Wort miteinander gewechselt, der Firmensitz blieb jedoch in Schweden. Ramqvists Meinung über Nilsson: "Er war noch nicht bereit für den Job, und ich bin dafür verantwortlich. Mea culpa."

Währenddessen zogen weitere dunkle Wolken auf. Um im Rennen um die neue Internet-Technik aufzuholen, steckte Ericsson über 500 Millionen Dollar in den Kauf verschiedener Telekommunikationsunternehmen, darunter US-Firmen wie Touchwave, Torrent und Qualcomm. Der Konzern verzeichnete daraufhin einen negativen Cash-flow. Enttäuschende Verkaufszahlen bei den Handys verschlechterten die Situation. Auf der Suche nach dem dritten Konzernchef in 18 Monaten schlug Ramqvist seinen langjährigen Kollegen und Freund Kurt Hellström vor, der derzeit Präsident von Ericsson Asia Pacific in Hongkong war. Obwohl dieser für den neuen Posten bestens qualifiziert war, lehnte ihn der Aufsichtsrat ab. Ramqvist sollte den Karren selbst aus dem Dreck ziehen. Der Vorstand setzte Ramqvist für eine Frist von 18 Monaten wieder als Chef ein und ernannte Hellström zum Präsidenten, obwohl Ramqvist die Regelung eher lächerlich fand. Trotzdem schien der Konzern neuen Rückenwind zu bekommen. Ramqvist und Hellström forcierten das von Nilsson initiierte Restrukturierungsprogramm. Die Kurse stiegen und die Aussicht für das folgende Jahr waren optimistisch. Im Februar 2000 konnte Ramqvist auf einer Pressekonferenz verkünden: "Ericsson ist zurück."

Der Erfolg war nur von kurzer Dauer. Auf dem Gipfel des Rummels um die neuen Handys mit Internetzugang stellte Hellström in einer Rede auf der Cebit zur Markteinführung von Ericssons Handys der neuen Generation den Bedarf an der neuen Technologie in Frage. Die Delegierten waren schockiert. Die Ericsson-Aktie ging auf Sturzflug. Die Verkaufszahlen des neuen Modells waren enttäuschend. Ende des Jahres verbuchte der Konzern ein Gesamtminus von 1,6 Milliarden Dollar. Als es mit Ericssons Marktposition bergab ging, fehlte dem Unternehmen Ramqvists volle Aufmerksamkeit. Zu dem Zeitpunkt war der Pate damit beschäftigt, seinen einstigen Triumphzug bei Ericsson mit Volvo und Skandia zu wiederholen.

Die Ericssonkrise ist zur Wahnvorstellung in einer Nation geworden, in der viele Vorzeigeunternehmen von der ausländischen Konkurrenz geschluckt worden sind. Denn: "Ericsson ist ein Symbol für Schweden und muss es bleiben", sagt eine schwedische Kleinaktionärin.

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