Wirtschaft : Ericsson streicht erneut 20 000 Stellen

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Der schwedische Telekommunikationsausrüster Ericsson will wegen hoher Verluste massiv Stellen streichen. In diesem und im kommenden Jahr sollen insgesamt 20 000 der weltweit 82 000 Jobs wegfallen, kündigte Ericsson an. Die Zahlen und der Ausblick des Unternehmens waren schlechter als erwartet. Nach der Veröffentlichung brachen die Telekom-Werte an Europas Börsen ein, Ericsson-Papiere gaben im Handelsverlauf 25 Prozent nach. Der Dax büßte bis zum Abend 1,79 Prozent ein. Siemens-Aktien gehörten mit minus 5,61 Prozent zu den größten Verlierern.

Zum Thema Online Spezial: Arbeit.los! "Das vergangene Quartal war ein schwieriges Quartal. Viele Netzbetreiber haben ihre Investitionen weiter gesenkt. Unsere Umsätze bleiben hinter unseren Erwartungen zurück", sagte Ericsson-Chef Kurt Hellström. Demzufolge werde der Konzern seine Kosten weiter reduzieren. Im vergangenen Jahr hatte der weltgrößte Hersteller von Mobilfunknetzwerken bereits 22 000 Arbeitsplätze abgebaut. Dies entsprach einem Fünftel der Belegschaft. In der Spitze hatte Ericsson 109 000 Mitarbeiter.

Die Kosten für die Umstrukturierung setzt Ericsson für 2002 bei 8,5 Milliarden Kronen (925 Millionen Euro) an. Der Konzern will sich außerdem zusätzliches Kapital durch die Neuemission von Aktien über 30 Milliarden Kronen (3,26 Milliarden Euro) beschaffen. Für das Geschäftsjahr 2002 erwartet Ericsson nun einen Verlust, geht aber davon aus, im Laufe des Jahres 2003 in die schwarzen Zahlen zurückzukehren. "Bisher haben wir über Wachstum geredet", sagte Hellström. "Jetzt geht es darum, wer am wenigsten schrumpft."

In den ersten drei Monaten dieses Jahres machte Ericsson einen Nettoverlust von 3,7 Milliarden Kronen (403 Millionen Euro). Im ersten Quartal des Vorjahres hatte der Konzern noch einen Gewinn von 400 Millionen Kronen erwirtschaftet. Die Auftragseingänge sanken im Vergleich zum Vorjahresquartal um 40 Prozent auf 41,9 Milliarden Kronen, der Umsatz um 26 Prozent auf 37 Milliarden Kronen. Im Systemgeschäft konnte Ericsson allerdings ein Auftragsplus von zehn Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2001 verbuchen.

In der vergangenen Woche hatte bereits der weltgrößte Handy-Produzent Nokia die Börsen mit seiner pessimistischen Prognose erschüttert. Die Handyhersteller und Netzwerklieferanten arbeiten in einem schwierigen Marktumfeld. Auf der einen Seite werden die Handyhersteller nicht mehr so viele Endgeräte absetzen können wie in den vergangenen Boom-Jahren. Der europäische Markt nähert sich der Sättigungsgrenze. Nokia und Ericsson gehen davon aus, dass in diesem Jahr weltweit von allen Herstellern zwischen 400 und 420 Millionen Mobiltelefone verkauft werden. Im vergangenen Jahr wurden weltweit 380 Millionen Handys abgesetzt, das waren zum ersten Mal weniger als im vorangegangenen Jahr. 2001 hatte Ericsson seine Handyproduktion mit der von Sony zusammengelegt. Das Joint-Venture ist drittgrößter Handyproduzent nach Nokia und Motorola. Hellström nannte die Entwicklung der Handy-Kooperation positiv, die Gewinnzone sei erreicht.

Im Systemgeschäft, also der Infrastrukturausrüstung für Mobilfunknetze, haben die Lieferanten ebenfalls schwer zu kämpfen. Hier erwartet Ericsson, dass das Geschäft mit der Infrastruktur in diesem Jahr um zehn Prozent schrumpfen wird. Nokia sieht den Markt noch weitaus pessimistischer. Kunden sind hier die hochverschuldeten Mobilfunkunternehmen, die viele Milliarden Euro allein für die Lizenzen der neuen Mobilfunktechnik UMTS ausgegeben haben und nun versuchen, die Kosten für den Netzaufbau zu drücken. "Wenn wir uns ansehen, was die Telekom-Betreiber planen und angekündigt haben, gibt es wenig Gründe, in absehbarer Zukunft auf einen Aufschwung zu setzen", sagte Konzernchef Hellström in einem Reuters-Interview.

"Enttäuschende Umsätze und Ergebnisse, weitere Restrukturierung und die angekündigte Emission neuer Aktien - das ist ein bitterer Cocktail für die Anleger", sagte Analyst Thomas Langer von WestLB Panmure. Auch für das zweite Quartal sei keine Besserung in Sicht. Nach Nokia und Ericsson wird Siemens in der kommenden Woche Quartalszahlen präsentieren. "Siemens hat in den letzten Jahren im Infrastrukturgeschäft Marktanteile gewonnen", sagt Simon Scholes, Analyst der Bankgesellschaft Berlin. Noch Anfang des Jahres habe man bei Siemens gehofft, dass das weiterhin gelingen werde. "Das könnte klappen", sagt Scholes. Allerdings: "Der Markt entwickelt sich erheblich schlechter als erwartet."

Die Börsen haben am Montag wie die übrigen europäischen Aktienmärkte deutlich an Wert verloren, nachdem Ericsson die Börsianer mit seinen Geschäftszahlen enttäuscht hatte. Belastet von Kursverlusten in den Technologiewerten sank der Deutsche Aktienindex bis zum Abend um auf 5190,04 Punkte. Größter Verlierer waren Siemens-Aktien. Ihr Kurs ging auf 64,07 Euro zurück. Für den Nemax 50 ging es am Neuen Markt um 2,5 Prozent auf 887,07 Punkte hinab. Vor Ericsson hätten bereits einige Netzwerkausrüster, Softwarehersteller und Mobilfunkausrüster mit ihren Zahlen enttäuscht und einen verhaltenen Ausblick auf das Gesamtjahr vorgelegt, kommentierte Aktienhändler Matthias Fuchs von ABN Amro die Kursschwäche.

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