Erkrankung : Jeder Fünfte hat einen Knacks

Volkskrankheit Depression: Immer mehr Fehltage gehen auf psychische Erkrankungen zurück. Bei Menschen in Stadtstaaten und bei Frauen liegt der Anteil psychischer Erkrankungen noch höher, zeigt jetzt eine Studie.

Kathrin Drehkopf
Depression
Frauen sind häufiger von Depressionen betroffen als Männer. -Foto: iStock

Berlin - Die Anzahl der Arbeitnehmer, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, steigt. Jedem fünften Erwerbstätigen wird inzwischen eine solche Krankheit diagnostiziert, bei Menschen in Stadtstaaten und bei Frauen liegt der Anteil sogar noch höher. Fast jede dritte Frau zwischen 15 und 65 Jahren leidet unter einer psychischen Erkrankung. Das geht aus dem aktuellen Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. „Das halten wir für einen erschütternden Befund“, sagte Christoph Straub, Vize-Vorsitzender der TK.

Diese Daten zeigten, dass psychische Erkrankungen deutlich häufiger vorkämen als bisherige Auswertungen von Krankschreibungen und Arzneimittel-Rezepten vermuten ließen. Der Report, den die Kasse seit dem Jahr 2000 jährlich erhebt, wertet die Krankheitsdaten der 2,5 Millionen TK-Versicherten aus. Die aktuelle Erhebung beruht auf Angaben von 2006.

Demnach entfielen von den elf Tagen, die ein Arbeitnehmer durchschnittlich krankgeschrieben war, mehr als zehn Prozent auf psychisch bedingte Krankheiten. Zu den häufigsten Diagnosen zählten Depressionen, Reaktionen auf schwere Belastungen und psychisch bedingte körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Herzrasen. Auch das Volumen der verschriebenen Psychopharmaka ist gestiegen. Dem Report zufolge bekam jeder Arbeitnehmer im letzten Jahr für eine Woche Antidepressiva verordnet.

Weiter zeigt die TK-Studie, dass einige Berufsgruppen besonders betroffen sind. So klagen mehr als ein Drittel der Callcenter-Angestellten über psychische Leiden, bei sozialen Berufen sind es ebenfalls etwa 30 Prozent. Anfällig sind auch Arbeitslose: Knapp 40 Prozent der Hartz-IV-Empfänger sind von psychischen Störungen betroffen. Spitzenreiter bei den Städten ist Berlin. Dort stellten Ärzte bei knapp 30 Prozent der Arbeitnehmer eine psychische Krankheit fest.

Die Ergebnisse des Berichts bestätigen den Trend der letzten Jahre, wonach psychische Erkrankungen immer häufiger werden. „Die Arbeitnehmer stehen zunehmend unter Druck“, sagt Dieter Best, Vorsitzender der deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Die Menschen hätten mehr Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder verspürten mehr Stress, zum Beispiel wegen Mobbings. „Insbesondere kleine oder mittlere Betriebe könnten hier mehr präventive Maßnahmen anbieten, um Fehlzeiten bei ihren Mitarbeitern zu vermeiden“, empfiehlt Best.

Nicht nur Unternehmen, sondern auch die familiäre Situation könnten zu psychischen Erkrankungen führen, entgegnet die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Nichtsdestotrotz hält die BDA die Entwicklung für bedenklich. „Man darf nicht vergessen, dass jeder Krankheitstag das Unternehmen viel Geld kostet“, sagt Norbert Breutmann, arbeitswissenschaftlicher Experte bei der BDA, dem Tagesspiegel. Bei psychischen Leiden ist die Fehlzeit mit durchschnittlich sechs Wochen besonders lang.

TK-Vorstandsmitglied Straub warnte davor, aus der Studie vorschnell Schlüsse zu ziehen. „Ich frage mich, ob man wirklich ein Drittel der Frauen für psychisch krank erklären kann“, sagte er. Auch wirtschaftliche Motive könnten eine Rolle spielen. Häufig würden Ärzte psychische Erkrankungen nur deshalb diagnostizieren, weil die Krankenkassen dann für mehr Leistungen bezahlen.

Für die wirklich Betroffenen psychischer Leiden forderte Straub dagegen einen Ausbau der Versorgung. Dass in den Stadtstaaten wie Berlin oder Hamburg die Zahl der verschriebenen Depressiva insgesamt niedriger ausfalle, liege am besseren Angebot von alternativen Therapiemöglichkeiten.

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